Titel: Chancen Autor: kimera Archiv: http://www.kimerascall.lima-city.de/ Kontakt: kimerascall@gmx.de Original FSK: ab 16 Kategorie: Parallelwelt Ereignis: Valentinstag 2026 Erstellt: 14.02.2026 Disclaimer: alles Meins! Hinweise: - Phileas, Thi-Anh, Vidale und Chise sind in „Vidale“, „Chise“, „Phantom“, „Vampir“ und „Kronks“ aufeinander getroffen. - Malin tummelt sich in „Vampir“ und „Kronks!“ ~ Tae und Rahny sind „Kronks!“ ~ Mikeel hat alle Werke von Sir Arthur Conan Doyle und Dame Agatha Christie gelesen, war P.U.D.E.L.-Azubi auf Initiativbewerbung und vertraut auf seine Intuition ~ Semori, Fixis, Leah Lexx und „Sugar Cane“ aka Orinocco halten das „Weihnachtsland“ in „Botschaft“ und „Alltagsparadies“ am Laufen. - Inspize Pyrophya sorgte für „Friede, Freude, Eierkuchen“ !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! !i*i! Chancen „Und das wird überall ausgehängt?“, staunte Malin, reichte die eingetauschten Körner beeindruckt über den Schalter. „Aeroflott garantiert für einen Monat Aushang, automatische Weiterleitung jeder Nachricht und Beratung innerhalb des blauen Umkreises!“, zwitscherte die gefiederte Daemonin dahinter leidenschaftlich. Dabei schwenkte sie mit einem Flügel im Präsentationsmodus elegant auf eine Art Wandteppich. Den hatte man mit unzähligen Markierungen für Aeroflott-Agenturen gespickt, damit die werte (neugierige) Kundschaft sich ein buntes Bild vom neuesten Angebot machen konnte. Die an einem Strick aufgefädelten Täfelchen mit Abkürzungen, die bei Eingang eines Zettelchens dechiffriert wurden, waren weniger prestigeträchtig, jedoch das technische „Herz“ der neuen Nachrichtenbörse. Malin strich sich durch die tiefschwarzen Mähne. Seine leuchtend gelben Augenäpfel funkelten interessiert. Es war nicht zu leugnen, dass der Daimon mit der blauschwarzen, gezeichneten Haut, den beeindruckenden Muskeln und dem Raubtiergebiss dringend für seine außerordentlich gut laufende, konkurrenzlose Garküche mit Eintöpfen und Teigfladen Unterstützung benötigte. Sämtliche KOK-Offize (Komitee organisierter Kreativität) hatten sich bemüht, auf ihren Runden nach Interessierten Ausschau zu halten, bisher ohne Erfolg. Da lag es für Malin nahe, sich dieser neuen Methode der Suche anzuvertrauen. Vielleicht würde sich in weiterer Distanz jemand finden, der gern an seiner Seite arbeitete? Nachtaktiv, zugewandt, flink an den Töpfen und bereit, sich hier anzusiedeln? „Glaubst du, der Text ist ansprechend? Ich habe bisher noch nie auf diese Weise annonciert“, hakte Malin entschieden nach. „Oh, bestimmt!“, flötete sein Gegenüber, während sie das winzige Bändchen voller Abkürzungen zusammenrollte, verschnürte und über die Rohrpostleitung nach oben zu den Auslieferungsenden schießen ließ, „wir verbinden Fakten mit positiver Ansprache und unserem bewährten Service!“ Da Malin hin und wieder Briefe mit seiner Familie austauschte, konnte er auf diese Aussage vertrauen. Tollkühne Fliegende, rasanter Austausch, zielgenaue Zustellung nach Hause und sehr günstige „Tarife“, dafür stand die Aeroflott. Hart am Wind und stets bereit zu neuen Abenteuern. „Prima, vielen Dank!“, nickte Malin, registrierte, dass die beiden Sonnen sich schon dem Horizont näherten. Höchste Zeit, seine Garküche zu öffnen! !i*i! „Also wirst du tatsächlich volontieren?“, Malin schmeckte, nur eine Schürze über der knappen Hose, rasch in den großen Kochschalen die unterschiedlichen Eintöpfe ab. Reihum legte er nach, während er gleichzeitig Teigfladen anbriet und einrollte. Thi-Anh, Phantom und aktuell in Rekonvaleszenz, schnippelte geübt Gemüse, bevor er benutzte Schüsseln für den nächsten Einsatz spülte. „Ich glaube, ich könnte durchaus mit etwas Erfahrung einem Friedensgericht vorstehen“, lächelte er seinem Freund zu, „Phileas ist zumindest fest überzeugt, dass ich gar nicht scheitern kann.“ Malin gluckste amüsiert. Der „moderne Vampir“ Phileas, zumindest definitiv untot, war unmissverständlich in Thi-Anh verliebt, wollte einen festen Bund mit ihm eingehen und konnte deshalb kaum als neutrale Quelle gelten. „Du wirst mir hier wirklich sehr fehlen“, seufzte Malin vorgeblich gramerfüllt, zwinkerte jedoch frech. „Endlich mal nachts schlafen“, konterte Thi-Anh spöttisch, „ich werde wieder etwas Farbe ins Gesicht bekommen.“ Malin schnaubte, während er geschmeidig um seine geothermischen Kochstellen rotierte. Tatsächlich konnte er nachvollziehen, dass es für Thi-Anh und Phileas ein Gewinn wäre, einen hauptsächlich tagaktiven Lebenswandel zu führen. Das lag ihnen eher, kam ihren Interessen entgegen. „Ich glaube, du bist genau richtig für diese Aufgabe“, versicherte Malin aufrichtig, „kommt bitte trotzdem immer mal vorbei, ja?“ „Natürlich“, nickte Thi-Anh, „wir sind doch Freunde.“ Für eine kurze Zeit, als sie beide hier neu angekommen waren, hatte sie sogar eine intime Liebschaft verbunden. Allerdings war Malin polyamourös geprägt, was Thi-Anh schlichtweg überforderte. Malin konnte ihm die Absage nicht nachtragen, da er um seine überwältigende Ausstrahlung/Pheromone wusste. War er verliebt, zog er unwillkürlich weitere Wesen an. Jetzt widmete er seine gesamte Leidenschaft der Garküche...und prompt kam er kaum hinterher, die Hungrigen zu bedienen! „Ich habe vorgestern eine Anzeige bei der Aeroflott aufgegeben“, teilte er Thi-Anh mit, „jetzt bin ich gespannt, wer sich meldet.“ Er glaubte an sein glückliches Geschick! !i*i! Mikeel warf Rahny einen aufmunternden Blick zu. Die Portalwache gluckste. Verständlicherweise, denn das abgegebene, sehr voluminöse Paket enthielt mehrere Schichten sehr wärmender Bekleidung für das „Weihnachtsland“. Am imaginären Nordpol. Rahny rang mit einer Pudelmütze, die Mühe hatte, die möhrchenfarbene Korkenzieherlockenmähne einzufangen. Mütze, Anorak, Pullover, Hose, Strumpfhose, Socken, Stiefel und nun Handschuhe… Rahny blinzelte aus orangefarben leuchtenden Augen tapfer, während seine statische Elektrizität die warme Luft auflud, wild zuckte und bitzelte. „Ich w-weiß n-nicht…“, Rahny sammelte sich, summte seine Worte, „ich weiß nicht, ob ich mich an diese Stiefel gewöhnen kann.“ Immerhin lief der Kronk mit der beeindruckenden Gesangstimme üblicherweise barfuß herum. Um lautlos zu sein, sich verstecken zu können… „Vielleicht geht es sich auf dem Schnee leichter“, tröstete Mikeel, kaperte gewohnt selbstsicher einen Fäustling. „Wir sind soweit“, signalisierte er der Torwache. Ihre beiden Portalpässe waren auf Wechsel innerhalb der Daimonenwelt eingerichtet. Mikeel hatte es sich zur Aufgabe gemacht, überall die falschen Angaben aus „Kunibertus’ kommentiertem Konversationslexikon“ über Kronks zu widerlegen. Mit einem lebenden Beispiel (Rahny), Argumenten und dem aufgeschlossenen Werben um einen kulturellen „Austausch“. Dabei hielt er auch nach anderen Ausschau, die sich vielleicht versteckten, weil sie sich nicht in die Gesellschaft trauten. Nicht gerade einfach, aber dank seiner Lektüre (alles von Sir Arthur Conan Doyle und Dame Agatha Christie) sowie seiner Beobachtungsgabe hoffte er, Vertrauen zu gewinnen. Es half natürlich auch, dass ihm im Daimonen-Kindergarten gezeigt worden war, wie man (dank des Vampirs) Freundschaftsbänder knüpfte. Ihre Aufgabe als Kultur-Attachés pflegten sie noch nicht lange, doch waren schon engere Beziehungen geknüpft worden. Zuerst hatten sie Regionen mit Wäldern ausgewählt, über die Portale höfliche Botschaften gesandt und waren überall freundlich eingeladen worden, damit man sich mal „direkt“ kennenlernen konnte. Für Rahny, der ein geradezu überwältigendes Stimmvolumen hatte und seine jüngst entdeckte Bestimmung der Musik pflegte, eine sehr gute Gelegenheit, sein Repertoire zu erweitern. Reisen war in der Daimonenwelt eher unüblich. Man verfolgte wohlwollend ohne unziemliche Neugierde, was in der Ferne so geschah, neigte jedoch nicht in Scharen dazu, sich alles selbst ansehen zu wollen. Ausrufende hielten auf dem Laufenden, es gab die Aeroflott für Nachrichten und frohe Botschaften verbreiteten sich ohnehin von selbst! Mikeel zupfte mit der freien Hand Rahny den Schal zurecht, zwinkerte mit den schwarzen Augäpfeln und trat durch das Portal. Ein Blinzeln später standen sie knöchelhoch im Schnee, in einer ungewohnten Atmosphäre von Sternenlicht auf glitzernder Endlosigkeit. Neben einem Pfahl, der das Portal markierte, hing eine Glocke an einem Stab. Unerschrocken ergriff Mikeel die Schlaufe am Klöppel. Bevor er jedoch energisch anschlagen konnte, plumpste die Glocke dumpf in den Schnee. „Das ist unerwartet“, kommentierte Mikeel unverdrossen, studierte den Klöppel in seinem Fäustling. Er drehte den Kopf, um in der Umgebung Merkmale auszumachen, die ihnen eine Richtung wiesen. „Was meinst du?“, holte er Rahnys Einschätzung ein. „Pf-pfeifen“, Rahny wühlte den Schal tief genug, um sich ohne Yakwollflusen auf der Zunge artikulieren zu können, „hat Orinocco nicht davon geschrieben?“ Mikeel nickte, blickte Rahny erwartungsvoll an. Der schlaksige Kronk zögerte einen Moment, bevor er einen durchdringenden Pfiff ertönen ließ. Nichts geschah. „Wir könnten warten…“, Mikeel brach ab, als sich hinter ihnen eine sich rasend schnell nähernde weiße Wand auftürmte, viel zu dicht, um noch etwas zu erblicken. Fäustling in Fäustling rannten sie los. !i*i! „Ah, hier sind wir richtig!“, stellte ein imposanter Alt fest, der zu einer ebenso beeindruckenden Person gehörte. Malin, dessen jüngst erworbenes Stirnband sich trotz der lauen, nächtlichen Temperaturen bereits mit Schweiß tränkte, lächelte einladend, während er gleichzeitig zwei tiefe Kochtöpfe bestückte. „Guten Abend! Worauf habt ihr Appetit?“, erkundigte er sich launig. „Oh, ich wäre allem zugeneigt“, erklärte eine sanfte Stimme in Höhe seiner Kniekehlen, bevor sich ihr Besitzer aufrichtete. „Du bist Malin, nicht wahr?“, die ehemalige Göttlichkeit streckte ihm eine Hand entgegen, „Brynda, früher Walküre, Erfahrung in Logistik, Gastgewerbe, Sepulkral-Kultur und fernmündliche Serviceleistungen. Mein Gefährte ist Gräg, Lindwurm, Spezialist für Bohr- und Tunnelsysteme.“ „Hallo, freut mich sehr, willkommen“, artig schüttelte Malin eine kräftige Hand, neigte sich dann vor, um auch Grägs Klaue zu schütteln. Der mythische Lindwurm zwinkerte ihn aus großen Augen an und strich einen kräftigen Schnäuzer zurecht. „Wir sind aufgrund der Stellenanzeige hier“, erläuterte Brynda ihre eher ungewöhnliche Ouvertüre der Selbstvorstellung. „Tatsächlich?! Wunderbar!“, Malin strahlte, während er herumwirbelte, Schalen füllte, abrechnete und nachlegte, „ich kann jede helfende Extremität brauchen!“ Er reichte einladend zwei Schalen weiter, „bitte, lasst es euch schmecken. Habt ihr schon ein Quartier?“ Brynda und Gräg schaufelten bereits eifrig, schüttelten unisono die Häupter. „Über die nordischen Mythen der Menschen weiß ich nicht viel“, gab Malin zu, ließ Teigfladen ausbacken, „was tut eine Walküre?“ Brynda schnaubte, „oh, den Job habe ich lange hinter mir gelassen. Gefallene aufsammeln, abtransportieren und dann in Walhalla ewig Saufliedern lauschen müssen, während man überall wegen verschüttetem Met festklebt. Das schlägt einem nach einer Weile aufs Gemüt.“ Sie reichte Gräg einen gerollten Fladen, der grinste, seinen Schnäuzer elegant kämmte. „Tja, zuletzt habe ich in einem Callcenter der Menschen gearbeitet. Beschwerdestelle bei einem Transportunternehmen und Erwachsenenunterhaltung“, Brynda zwinkerte Gräg zu, „das ähnelte in gewisser Weise meinem ersten Job. Und dann gab es da dieses kleine Hoppla.“ Malin, der in atemberaubender Geschwindigkeit Gemüse zerkleinerte, warf ihr einen wissbegierigen Blick zu. „Die Leitungen waren vertauscht, deshalb kamen die Anrufenden des Schienentransportunternehmens in den Genuss der Erwachsenenunterhaltung. Der fünfte Call muss sich wohl beschwert haben“, sie zuckte mit breiten Schultern, „also wurde ich ‚freigestellt‘. Tja, wir haben deine Anzeige gelesen und uns gedacht, da winkt ein neues Abenteuer!“ Gräg nickte bekräftigend, wuselte um die geothermische Kochstelle herum, richtete sich auf, um aufgestapelte Schalen zu spülen, „wir haben auch von den Kronks gehört und dem tollen Sänger.“ Malin grinste, „ja, wir haben hier wirklich Einiges zu bieten. Allerdings sind Rahny und Mikeel gerade in das ‚Weihnachtsland‘ eingeladen. Heute gibt es deshalb hier kein Konzert.“ Brynda erhob sich und ließ die Schultern kreisen, „wir haben Zeit. Wie denkst du über eine Probewoche, Malin?“ „Einverstanden“, er besiegelte ihre Vereinbarung per Händedruck. Die ehemalige Walküre streckte sich unternehmungslustig, „so, was soll ich zerlegen?“ !i*i! Mikeel stellte fest, dass diese Umgebung mit Eissturm im Nacken, Schnee und endlos eintönigem Horizont vorneweg ihm nicht sonderlich gefiel. Das potenzierte sich noch, als sie unerwartet in ihrem überschlagenden Tempo einen Abhang übersahen. Er verlor Rahnys Hand in seinem Griff, da rollte der Kronk bereits wie eine Lawine mit Schneezucker bestäubt hinab! „!!“, rang Mikeel um Atem, während er verzweifelt versuchte, Rahnys Schneise zu folgen. !i*i! „Pfüah!“, spuckte Rahny Yakwollflusen und Schneekristalle aus, schüttelte sich. Er fühlte sich verständlicherweise schwindlig, da sein Abgang unfreiwillig einige Purzelbäume eingeschlossen hatte. „FFUUUH!“, blies ihm feucht-warme Luft ins Gesicht. Unmittelbar vor ihm löste sich ein Wesen aus dem Schnee. Bevor Rahny sich erschrocken zurückziehen konnte, leckte ihm das von zottigem Fell und Schnee bedeckte Wesen mit einer rauen Zunge über das Gesicht. Rahnys nervöse statische Elektrizität entlud sich knisternd. Prompt stand dem Yak der Pony zu Berge, was neugierige Knopfaugen freilegte. Das Yak schnaubte begeistert. Und Rahny war plötzlich von einer mobilen Wand aus geselligen Yaks eingeschlossen! !i*i! „Moment!“, bahnte sich Mikeel schnaufend einen engen Pfad durch die Horde Yaks, denen der drohende Eissturm in seinem Gefolge offenkundig gar nichts ausmachte. Es gelang ihm tatsächlich, Rahny wieder auf die Schneestiefelsohlen zu stellen. Der Kronk wischte sich eilig über das frei geleckte Gesicht, griff nach Mikeels Hand, schrumpfte in sich hinein. „Fingerspitzen genügen vermutlich“, soufflierte Mikeel aufmunternd, „bist du noch heil?“ Rahny nickte, wobei die Pudelmütze endgültig den Kampf mit seiner Korkenzieherlockenmähne in Möhrchenfarbe verlor. Die Yaks schnauften begeistert, ließen sich auf die dampfenden Nüstern tippen und die Ponys flogen hoch. „Wir suchen Orinocco“, bemühte sich Mikeel um Unterstützung, „außerdem scheint uns ungünstiges Wetter zu folgen.“ Er gestikulierte hinter sich. Die Yaks schnauften, drehten sich geschmeidig um die eigene Achse und nahmen sie in die Mitte. „Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg“, Mikeel stopfte die verlorene Pudelmütze in eine Anoraktasche, zupfte Rahnys Schal höher und ging zwischen den Yaks in Deckung. Ein Blinzeln später hüllte sie eine weiße Wand ein. !i*i! „Diese dämliche Bimmel!“ Fixis, Leitung der technischen Abteilung und Wichtel, knurrte, während er einen alarmierten Blick über die Schulter warf. Leah Lexx, Leitung der Sektion „Einnahmebeschaffung durch juristische Auseinandersetzung in Bezug auf Rechte/Copyright-Verwertung“, eine sehr schlanke Elfe mit Hang zu gewagter Wäsche, seufzte. Der Yeti trillerte höflich, klopfte mit breitem Grinsen Mikeel und Rahny auf die Schultern, bevor er sich empfahl. „Guten Abend. Wir hatten ein kleines Malheur mit der Glocke“, erklärte Mikeel, der bereits aus sämtlichen nicht vorhandenen Knopflöchern dampfte. Hier, in der geothermischen Oase, waren sie definitiv ZU Kälte-isoliert angezogen! „Willkommen!“, Leah Lexx warf beschwörende Blicke auf den Wichtel, „wollt ihr euch rasch umziehen und etwas frischmachen? Ich zeige euch gern den Weg!“ „Hauptsache, Orinocco kriegt nichts mit“, brummelte Fixis nervös, scheuchte sie rasch in einen kleinen Gang der verbundenen Kuppeln. „Tatsächlich hat uns Orinocco eingeladen“, Mikeel drückte aufmunternd Rahnys Hand. „Sicher, sicher“, der Wichtel drängte sie weiter, „ach, Verzeihung, Honneurs! Leah Lexx und ich bin Fixis. Besser, ihr erwähnt die depperte Klingel nicht.“ „Ah, ein systemisches Problem?“, schnurrte Mikeel in perfidem Sanftmut, dem die verstohlenen Blickwechsel natürlich nicht entgangen waren. Der Elf verdrehte die Augen, der Wichtel knurrte. „Wir möchten Orinocco nicht mit unwesentlichen Details belasten“, säuselte Leah Lexx, „da sind wir schon! Ich gebe Orinocco Bescheid, während ihr euch frischmacht.“ Sofort waren Mikeel und Rahny allein in einem kleinen, gemütlich eingerichteten Zimmerchen, das von einer Laterne freundlich ausgeleuchtet wurde. Rahny schrumpfte in sich hinein, seufzte kläglich. „Erst mal raus aus diesen Sachen!“, gab sich Mikeel aufgeräumt, „mir steht schon das Wasser in den Stiefeln!“ Er ließ sich nicht ins Bockshorn jagen, vor allem nicht bei dem kurzen Pärchen, das seine Schläfen zierte. Rasch entledigte er sich der Wintersachen, drehte die Stiefel um und hängte den Rest auf Haken über einer geothermischen Öffnung. Rahny folgte seinem Beispiel, äugte auf einen Wandschirm. Mikeel kannte derlei vornehme Zurückhaltung nicht, lugte hinter dem Paravent. „Ein Dampfbad!“, jubelte er, streckte die Hand nach Rahny aus, „komm’, werden wir auch den Yak-Sabber los, ja?“ Sie teilten sich öfter ein Bad, deshalb entwirrte Mikeel ganz selbstverständlich nach der ersten Dampfreinigung die Korkenzieherlockenstränge. Rahny summte leise vor sich hin, was die statische Aufladung reduzierte, zu einem gleichmäßigen Pulsieren veranlasste. „Bestimmt wurde Orinocco auch von diesem Wetterwechsel überrascht“, mutmaßte Mikeel, arrangierte eine eindrucksvolle Hochsteckfrisur. Ein Privileg, das er für sich beanspruchte, weil ihn a) die Stromschläge anregten und b) die prächtige Mähne förmlich dazu einlud, sie in Szene für den Auftritt zu setzen. Gastfreundlich ausgelegte Handtücher umgeschlungen inspizierten sie den Inhalt eines Kruges. Vorgewarnt fischte Rahny die Blüten heraus, studierte sie. „Die Blütenblätter kann man essen“, erläuterte er Mikeel, der prompt verkostete. „Hoho! Unerwartet scharf im Abgang!“, kommentierte er, nippte an dem Cocktail, in dem sich letzte Eiswürfel auflösten. Rahny folgte seinem Beispiel, hielt sich steif aufrecht. In diesem Moment klopfte es, die Tür flog auf und ein aufgedrehter, sehr eiliger Paradiesvogel stürzte hinein. „Herrje, ich bin zu spät! Entschuldigt bitte, ich freue mich so, dass ihr hier seid! Mit dem Wetterumschwung habe ich nicht gerechnet, und dann ist noch der Schlitten gekippt…!“ Hochgeschwind zwitscherten die Silben, dazu tanzten bunte Flaumfedern, während die vorgebliche „Zuckerfee“ ihre Hände schüttelte. „Obacht!“, warnte Mikeel, doch Orinocco war schneller, piepste erschrocken ob der statischen Entladung. Noch mehr Federn wirbelten durch den Raum. „Oje!“, murmelte Rahny eingeschüchtert. Dann stürzte seine kunstvolle Hochsteckfrisur vollständig ab. !i*i! Immer, wenn Semori auf der Bar, die der Yeti bewirtschaftete, einen großen Becher Kaffee mit prächtiger Blüte erblickte, schwante ihm Übles. Dabei hatte er schon einen anstrengenden Besuch bei den Pinguinen hinter sich, die sie (trotz Nordpol/Arktis-Analogie) hier unterbringen mussten. Deren Variante von „Curling“ (man schleuderte einen Artgenossen über einen Eiskanal zwischen bereits dort herumrutschende) sorgte für gewisse Spannungen. Semori wollte sich mit den Wichteln beraten, ob man nicht wie für die Zucker-Plörre-abhängigen Eisbären eine Art „Beschäftigungsspielplatz“ anlegen konnte. Wenigstens gab es von den Elfen, die in der Tundra mit ihren Rentieren herumzogen, keine neuen Beschwerden! Über kleine Gnaden sollte man sich bei diesem „Weihnachtszirkus“ freuen! Er bedankte sich beim Yeti, der freundlich pfiff, nahm den Becher, angelte die Blüte sicherheitshalber heraus, nippte, seufzte und stapfte zu seinem kleinen Büro. Leah Lexx und Fixis reckten die Hälse und atmeten hörbar aus, als er allein eintrat, die Tür hinter sich schloss. „Ist irgendetwas vorgefallen, das ich wissen sollte?“, erkundigte er sich betont gelassen, streifte sich über den Hornkamm, nahm Platz. „Die mistige Klingel am Portal hat nicht angeschlagen“, knurrte Fixis. Semori seufzte. „Die Kultur-Attachés sind nicht eingefroren“, ergänzte Leah Lexx betont aufmunternd. Eine Wiederholung wie mit dem Buchprüfer konnten sie wirklich nicht brauchen. „Weiß Orinocco darüber Bescheid?“, erkundigte sich Semori besorgt. „Nein-nein!“ „Bestimmt nicht!“ Unisono atmeten sie alle durch, nachdem Fixis und Leah Lexx gleichzeitig geantwortet hatten. Was sie wirklich nicht brauchten, waren Anlässe, die den Paradiesvogel traurig stimmten! „Wir benötigen eine andere Lösung“, stellte Semori fest. Eine Glocke schien eine pragmatische Lösung zu sein. Ärgerlicherweise waren sie noch nicht auf eine Materialkombination gestoßen, die sich mit der wechselhaften Witterung vertrugen. Fixis schnaubte, „ich hab’s auf meiner Liste.“ Semori nickte und wechselte geschmeidig das Thema, „wie sieht es mit dem Hangar aus? Ist alles gerichtet für unseren Kulturabend heute?“ „Alles fertig“, grummelte Fixis, „aber wenn die ganzen Yaks auch noch rein sollen…!“ „Yaks? Welche Yaks?!“ !i*i! Malin grinste, als Gräg seine Geschicklichkeit bewies, Wurzeln und Knollen blitzschnell zu zerteilen. Krallen und Klauen waren enorm flott, das konnte man nicht bestreiten! Außerdem unterhielt es die bunte Mischung an nachtaktiven Daimonen, die den Markt besuchten oder dort arbeiteten. Ehemalige Göttlichkeiten gab es hier selten, deshalb erwies man sich auch neugierig, was Brynda aus dem Nähkästchen (oder eher groben Snack) zu plaudern hatte. „Schlachtfelder“ war hier keine metaphorische Beschreibung! Klar, Menschen waren schon ein gruseliger Haufen, das würde wohl niemand bestreiten! Malin hoffte, dass sich die Probewoche als gelungen erwies, denn seine Begeisterung darüber, gleich zwei neue Helfende gefunden zu haben, potenzierte seine Pheromone. Auch wenn es seiner Libido nicht diente, sondern seiner Leidenschaft fürs Kochen, konnte er sich über gewaltigen Zuspruch nicht beklagen! Dazu fehlte ihm schlicht die Muße. !i*i! „Sehr schön!“, komplimentierte Orinocco trillernd, sah aber davon ab, Rahny erneut zu herzen. Ein freundlicher Yeti hatte sich dazugesellt, was die gemütliche Kammer recht eng wirken ließ, eine Art „Stimmgabel“ aus Holz gezückt und damit Rahnys Korkenzieherlockenmähne geschickt aufgedreht. Nun konnte Mikeel sie auch wie gewohnt dekorieren, eine Anregung aus den Daimonen-Kindergarten! Rahny ließ sich gutmütig für die Bühne schmücken, während er mit dem Yeti Freundschaftsbänder aus Fasern knüpfte. Der Yeti nutzte selbstredend die Yakwolle, während Mikeel in seiner Umhängetasche Pflanzenhalme apportierte. Mikeel skizzierte unterdessen die Szenen, die sie bei ihrem Vortrag zu Hause zur Illustration nutzen wollten. Es war wirklich schwierig, auf Pergament mit Kreide und Kohle den gewaltigen Eindruck des Schneesturms zu vermitteln! Er porträtierte Orinocco, den Yeti, ein Yak sowie Fixis und Leah Lexx. „Wir haben weder Wichtel noch Elfen bei uns ansässig“, erklärte er Orinocco, der eifrig seine Bemühungen verfolgte. Orinocco pfiff und trillerte für Rahny die Yeti-Kommunikation mit Übersetzung. „Oh, ich möchte euch gern einen Gegenbesuch abstatten“, trällerte der Paradiesvogel, „ich weiß nur nicht, ob wir nicht arg ins Schwitzen kommen!“ Yetis und Yaks konnten sich ja nicht einfach das Fell ausziehen. „Ich habe für heute Abend einige Skizzen mitgebracht“, Mikeel lächelte, „vielleicht klappt es ja für die, die sich hier gern aufhalten?“ In dieser Oase aus Geothermie, die einem Shangri-La nicht ganz unähnlich war. „Wir müssen bloß unsere Glocke am Portal flicken“, nickte Orinocco eifrig, „auf die Dauer wird es den Yaks bestimmt langweilig, dort aufzupassen.“ !i*i! „Oh nein!“, protestierte Fixis energisch. Unmöglich konnten sämtliche Yaks und Yetis auch noch in den Hangar reinkommen! Der war schon ausgelastet mit Wichteln, Elfen und den Schlitten sowie allen Maschinen und ihren Werkstätten! Semori lupfte eine Augenbraue und fürchtete, er würde mal wieder Schuppen verlieren. „Richtig!“, zwitscherte Orinocco fröhlich, hakte sich unverdrossen bei Semori unter, „deshalb gehen wir an die Grenze! Zieht es ein bisschen was über, packt ein Picknick ein!“ Elfen und Wichtel wechselten Blicke. Semori räusperte sich höflich. Das Stillleben wandelte sich in hektische Betriebsamkeit. Niemand wollte riskieren, dass Orinoccos wundervoller Abend zum Kulturaustausch durch irgendwelche Einschränkungen getrübt wurde! „Ich glaube, wir sollten uns mal diese Offerte der Aeroflott anhören“, trällerte Orinocco unterdessen Semori zu, „man kann eine Anzeige aufgeben, die überall veröffentlicht wird! Das könnte uns mit der leidigen Glocke helfen.“ Der Paradiesvogel verlor einige prachtvoll schimmernde Flaumfedern, während er neben Semori zur Grenze tänzelte. Semori schmunzelte in sich hinein. Beim Großen M! Wie hätten sie auch eine ganze Horde Yaks vor Orinocco verbergen können?! !i*i! Rahny nippte dankbar an gewärmtem Nektar, pflückte die letzte Blüte aus seiner avantgardistischen Hochsteckfrisur. Das Musizieren im Freien hatte der Qualität keinen Abbruch getan! Sein Wesen war gefüllt mit neuen Melodien, Harmonien, Erkenntnissen und Emotionen! Mikeel rieb sich die Finger. Bis auf sein letztes Pergament hatte er Skizzen und Porträts angefertigt. Nach anfänglicher Skepsis waren die Wichtel und Elfen tatsächlich „aufgetaut“, obwohl nur Yaks und Yetis sowie zwei verirrte Eisbären auf der eisigen Seite ausharrten. Die Yaks waren selbstredend vernarrt in Rahny (die statische Elektrizität) und die Yetis liebten Rahnys Fertigkeit, ihre Pfeif- und Flötentöne mit seiner Singstimme zu vereinigen. Orinocco war förmlich geschwebt vor Glück über den gelungenen Austausch. Mikeel grinste, zog die „Stimmgabel“ aus Rahnys möhrchenfarbener Mähne. Die Korkenzieherlocken reichten fast bis zu den Kniekehlen. „Rasch noch ein Dampfbad, dann ruhen wir unsere Augen aus, ja?“, er streckte einladend die Hand aus. Rahny lächelte vertrauensvoll, während seine Elektrizität mit einem summenden Halo um ihn tanzte. Nur in dünne Hemdchen gewandet kletterten sie in das kurze Bett. Rahny, der sich fötal zusammengefaltet in einer Bodenkuhle ausruhte, rollte sich zwar gewohnt ein, blickte aber fragend in Mikeels schwarze Augäpfel. Enge Bodenkuhlen waren definitiv nicht sein Fall, daher hatten sie sich auf eine Hängematte in einem Baum geeinigt. Ein Bett bedrückte ihn nicht so sehr, dass er die Hängematte gewählt hätte. Er löffelte bequem an Rahnys knochigem Rücken, legte vertraut einen Arm um dessen Mitte. Der wurde sofort beschlagnahmt, vor die Brust gezogen. Rahnys Finger fädelten sich zwischen Mikeels. Schmunzelnd vergrub Mikeel sein Gesicht in der Korkenzieherlockenmähne. „Das war wirklich schön heute“, summte Rahny leise, teilte die Elektrizität mit Mikeel, der sie wie gewohnt als anregend und reizvoll empfand. „Ja, ein phantastisches Abenteuer“, pflichtete er sanft bei, arbeitete sich bis zu einem freien Fleckchen Haut vor, das er küssen konnte. „Träum’ etwas Schönes“, wünschte er Rahny, der leise gluckste und seine Hand vor der Brust drückte. Natürlich konnte ein Inkubus auch anderen Formen der Intimität pflegen, doch Mikeel verfügte über ein sicheres Gespür, was seine Beziehung mit Rahny betraf. Zwar fürchtete er nicht, von Tae „gebeutelt“ zu werden, doch etwas zu überstürzen kam für ihn auch nicht in Frage. Dazu liebte er Rahny schon jetzt viel zu sehr! !i*i! Malin hatte Brynda und Gräg einfach mitgenommen, nachdem sie bei Aufgang der zwei Sonnen den Garküchenbetrieb für diese Nacht beendet hatten. Er schlief wie so viele in einer gewaltigen Kuppel, die mit Grassoden gut abgedichtet war. Lehmwände sorgten für eine angenehme Atmosphäre. Einen Raum für sich allein zum Schlafen (wie es Phileas und Thi-Anh bevorzugten), das hätte ihm gar nicht gefallen. Er war schlichtweg an die Präsenz anderer gewohnt und fühlte sich damit im Schlaf sicherer. Brynda und Gräg kannten solche Schlafgelegenheiten aus der „großen Halle“. Da schien man sich auch einfach irgendwo unter oder auf einer Sitzbank eingerollt zu haben. Ansonsten waren sie Hängematten, kleinen Zelten oder Nischen in Höhlen nicht abgeneigt gewesen. Was sich eben so bot, wenn man sich als niedere Ex-Göttlichkeiten entschloss, immer wieder neue Erfahrungen machen zu wollen und den eigenen Horizont zu erweitern. „Dann treffen wir uns heute Abend, ja?“, verabschiedete Malin sich vor seiner Matte, stellte seinen Seesack ab, den er jeden Abend am Empfang deponierte. Er hatte Brynda und Gräg die nächsten Thermalquellen gezeigt und auf dem Heimweg noch ein paar Schlenker eingebaut, damit sie ihre neue Heimat schon ein wenig kennenlernen konnten. „Unbedingt!“, Brynda umarmte ihn kraftstrotzend, „wir hatten wirklich sehr viel Spaß! Und deine Eintöpfe sind wirklich eine Wucht!“ Gräg grinste und kämmte seinen Schnäuzer, zwinkerte Malin zu. Er überließ Brynda gern das große Wort. „Dann schlaft gut, ihr beiden“, schmunzelte Malin und fühlte sich trotz der Anstrengungen und Herausforderungen bärenstark. Neue Freunde, neue Geschichten! !i*i! Semori gab ein leises Grummeln von sich, als das heisere Zischeln nicht mehr zu überhören war. Er setzte sich im gedämpften Licht der Laterne auf, ohne Orinoccos Hand loszulassen. Dieses Versprechen würde er stets bewahren. „Was ist passiert?“, erkundigte er sich sowohl heiser als auch schicksalsergeben. Fixis stand neben ihrem Bett/Nest und rang mit den kräftigen Händen. „Es ist was passiert am Portal“, zischelte er bemüht leise. „… ich komme gleich“, murmelte Semori, der schon die nächste „Tiefkühlkost“ an ihrer Pforte befürchtete. „Die andere Richtung“, wisperte Fixis grämlich, „außerdem wurde der Alarm sabotiert.“ „Pardon?“, Semori drückte Orinoccos schlanke Hand erschrocken fester. „Oh nein, sind Rahny und Mikeel schon weg?!“, trillerte Orinocco bekümmert, saß in einem Gestöber von Flaum und Federn bereits lotrecht. „Die sind noch da, sagt der Yeti“, grummelte Fixis grollend, „aber ihre Portalpässe sind weg.“ !i*i! Mikeel löffelte Rentiergulasch, während Rahny exotische Obststückchen mümmelte. Sie fühlten sich beide noch nicht ausgeschlafen, waren aber willens, das Mysterium zu lösen. „Die Portalpässe waren im Zimmer, als wir zur Abendveranstaltung aufgebrochen sind“, erläuterte Mikeel gefasst zwischen zwei Mundvoll, „Zugang hätten alle gehabt. Ich verstehe nur nicht, warum man sie nutzen sollte? Ihr könnt doch das Portal benutzen?“ „Ja, nun“, murmelte Fixis und warf Leah Lexx einen ärgerlichen Blick zu. Die meisten Elfen und Wichtel reisten nicht durch die Daimonenwelt, auch wenn sie das konnten. Es fehlte ihnen schlichtweg das Interesse. „Warum wurde der Alarm ausgeschaltet?“, erkundigte sich Mikeel, der im Geiste seine einschlägige Kriminallektüre durchging. Fixis rieb sich über Gesicht und ausufernden Bart, Leah Lexx studierte angestrengt ihre lackierten Nägel. Semori räusperte sich nachsichtig, „ja, das würde mich auch interessieren.“ Orinocco kauerte fügellahm neben ihn und schniefte traurig. „Möglicherweise könnte es damit zusammenhängen, dass es weniger um eine übliche Reiseroute ging“, formulierte Leah Lexx geübt schwammig in bester Tradition. „Die zwei haben die Portalpässe manipuliert, unseren Alarm sabotiert und sind in die Menschenwelt abgehauen!“, polterte Fixis ungefiltert heraus. Leah Lexx stöhnte unterdrückt und kniff für einen Moment die Augen fest zu. Semori drückte sein Rückgrat durch, „WER?“ Ein Blick wechselte zwischen Elfe und Wichtel. „Marille“. „Und Chromius.“ !i*i! „Malin!“, eine Hand schüttelte behutsam, aber hartnäckig seine nackte Schulter. „Hab’ ich verschlafen?“, sich die Augen reibend setzte Malin sich auf, kämmte Haare aus dem Gesicht. „Ooooh….waren wir verabredet?“, wechselte er in einen schmeichelnden Tonfall, blinzelte zur Mee-Poo (Metropolitan Polis) hoch, die ihn besorgt ansah. Für einen Moment wirkte ihre Miene amüsiert, dann besann sie sich zu Malins Bedauern auf den „Arbeitsmodus“. „Malin, wo sind Rahny und Mikeel?“, erkundigte sie sich, während Malin registrierte, dass hinter der Mee-Poo noch eine Portal-Wache stand. Ein regelrechter Auflauf an seiner Matte! Er schob die leichte Decke zurück, erhob sich geschmeidig. „Soweit ich weiß, sind sie in das Weihnachtsland aufgebrochen“, antwortete er überrascht. „Das ist aber nicht auf der anderen Seite, oder?“, erkundigte sich die Mee-Poo nervös. Die Portal-Wache grunzte eine Verneinung, rieb sich sorgenvoll den Nacken. „Was ist denn passiert?“, hakte Malin nach. Mittlerweile hatten sie auch andere Schlafende aufgeweckt. „Ihre Portalpässe haben einen Alarm ausgelöst, als sie in die Menschenwelt gewechselt sind!“ !i*i! Mikeel runzelte die Stirn, stellte die geleerte Schüssel beiseite. „Das sollte nicht funktionieren. Unsere Portalpässe sind für den Übertritt in die Menschenwelt gesperrt“, verkündete er. Weil sie sich zuletzt ein klein wenig ZU auffällig dort bewegt hatten. Auf zu viel menschliche Ignoranz konnte man sich nicht verlassen. Fixis grummelte Unverständliches in seinen Bart. „Wie bitte?“, hakte Semori höflich nach. Ihm schwante durchaus eine schlüssige Erklärung. „Also“, der Wichtel schnaubte, „man KANN die Vorgabe blockieren. Bedeutet, die Blockade kann aufgehoben werden. Grundsätzlich sind ALLE Reise-Portale eingebaut.“ „Und Chromius ist schlau“, seufzte Leah Lexx widerwillig, „er MAG Technik.“ Fixis schnaubte, „daran ist nichts auszusetzen! Wenn er nicht zu VIEL nach diesem Ko-Pi-Reit-Ramsch gesucht und sich das Gehirn verdreht hätte…!“ „Wir anderen erfüllen unsere Aufgabe sehr gut OHNE irgendwelche Nebenwirkungen“, ätzte Leah Lexx aufgebracht zurück, „außerdem hat er OFFENKUNDIG einen Insider zur Hilfe gehabt!“ „PAH!“, knurrte Fixis und verschränkte die kurzen Arme vor der Brust, „wir nehmen kreative Freiheit eben ernst!“ Bevor ein weiteres Wortgefecht ausbrechen konnte, erhob sich Semori entschieden. Zeit, den Boss herauszukehren! „Sowohl Marille als auch Chromius kennen sich in der Menschenwelt nicht aus. Sie werden also wahrscheinlich in Schwierigkeiten geraten. Wir benötigen Unterstützung.“ Orinocco wandte sich Mikeel und Rahny zu, „ja, ihr wart doch schon auf der Menschenseite, richtig? Können wir Hilfe rufen, damit den beiden nichts passiert?“ Mikeel tauschte einen Blick mit Rahny, der unter dem Tisch seine Hand hielt. „Habt ihr ein Omniskop? Ich wüsste da eine Spürnase und engagierte Freunde!“ !i*i! „Ich hatte mir heute freigenommen“, merkte Chise an, dessen violette Augen wie Scheinwerfer strahlten. Seine rostbraunen Dreadlocks waren frisch geölt, dazu trug er seinen schönsten Steampunk-Sonntagsstaat. An einem Samstag. Nun, nicht irgendeinem Samstag, denn es war der Valentinstag und gleichzeitig auch noch Fasching/Fastnacht/Karneval usw. Also DIE perfekte Gelegenheit, sich mit Vidale einen ungestörten Pärchentag unter Menschen zu gönnen. Denen würden Besonderheiten (Krallen, Raubtiergebiss, blauer Teint, keine Geschlechtsorgane) nicht sonderlich auffallen, weil man sie auf eine saisonale Verkleidung schieben konnte. Zudem herrschte ein eher herbstliches Wetter vor, was Verpuppung zwecks Dämmung erlaubte. „Wir können es doch kombinieren“, schlug Vidale gewohnt hilfsbereit und freundlich vor, „wie eine romantische Schnitzeljagd!“ Chise stöhnte vernehmlich, war jedoch bereits geschlagen. Unmöglich, Vidale etwas abzuschlagen, wenn der ihm gleichzeitig einen Tassenkuchen zum Frühstück zuschob und ihn dabei flehentlich anblickte. „Schon gut, überredet! Allerdings müssen sich alle tarnen“, seufzte Chise, bevor er das leicht verzerrte Bild im Omniskop studierte, „wie viele seid ihr denn genau?!“ Einen Kegelclub wollte er wirklich nicht begleiten! !i*i! „Braucht ihr einen Transport zurück?“, Malin beäugte das unerwartet gut aufgelöste Bild im Omniskop. Ein richtig gehender Luxus! Allerdings befand sich dieses Omniskop bei den Mee-Poos in der Station und war für Notfälle gedacht. Wie zum Beispiel im „Weihnachtsland“ gestrandete Kultur-Attachés. „Ach, wir haben es nicht eilig“, grinste Mikeel, während man im Hintergrund hörte, wie verschiedene Yetis, Orinocco und Rahny ein Pfiffkonzert improvisierten. Er selbst war kaum musikalisch, erkannte aber treffsicher Begeisterung für „Jams“, wenn sie seinen Gehörgang traf. Rahny strahlte, sein elektrischer Halo tanzte förmlich um ihn herum. Orinocco verlor weniger Federn und Flaum, während die Yetis sichtlich ihren Spaß hatten. Wenigstens hatte man die Yaks überzeugen können, IM Schnee zu bleiben. „Die beiden sind ein wenig speziell. Braucht Chise nicht Anhaltspunkte für die Suche?“, hakte Mikeel nach. Malin grimassierte. „Wir haben es in eurer Unterkunft im Wald versucht, aber das scheint nicht ganz so prägend zu sein. Am stärksten riecht wohl der Eintopf, den ich euch vor der Abreise kredenzt habe“, murmelte Malin. Mikeel lachte. „Sag’ nur, dass du keine Lust hast, mal die Menschenseite anzusehen!“ !i*i! Malin zweifelte daran, dass es UNBEDINGT nötig war, vitaler Bestandteil der Suchtruppe sein zu müssen. Chise machte jedoch seinen Standpunkt unmissverständlich klar: er funktionierte nicht wie ein Spürhund in der Menschenwelt, besten Dank auch! Durch die Manipulation der Portalpässe konnten sie zumindest den Übertrittsort eingrenzen, da lediglich die letzte Station für die beiden Flüchtigen erreichbar war. Dabei handelte es sich jedoch um ein von Pendelnden häufig frequentiertes Portal, potenziert durch all die munteren Ausflugsgesellschaften der Daimonen-Welt, die die günstigen Gelegenheiten von Karneval/Fasching/Fastnacht nutzen, um mal die „Nachbarschaft“ kennenzulernen. Ausgerüstet mit einer Kostprobe von Malins Eintöpfen konnte Chise zumindest viele andere Spuren ausscheiden. Man musste jedoch auch bedenken, dass er allein die beiden Ausgerissenen nicht gegen ihren Willen zurückführen konnte. Erstens wurde ein Inspize mit Friedensstifter benötigt. Zweitens benötigte man vielleicht tatkräftige „Argumente“, um Gegenwehr auf ein wenig Aufsehen erregendes Minimum zu reduzieren. Und drittens war Valentinstag, er hatte es eilig, mit Vidale ihre Liebesbeziehung zu feiern! Malin gab nach, auch deshalb, weil Brynda und Gräg sofort verkündeten, dass SIE gern mittäten! Angesichts der Muskelpakete der ehemaligen Walküre war hier für gewichtige „Argumente“ gesorgt! Da konnte Malin gar nicht zurückstehen. Zugegeben, er war schon neugierig auf die Menschenwelt. Allerdings hatte man ihm immer wieder warnend zu verstehen gegeben, dass ihn seine dunkle Haut mit den Zeichnungen zu einer Zielscheibe für jede Art von Ablehnung und Misshandlung machte. Keine Aussichten, die ihm zusagten. „Sind wir soweit?“, erkundigte sich Inspize Pyrophya. Sie trug passend zur nasskalten Witterung gefütterte Stoffhosen, einen Anorak und geschnürte Schuhe mit federnden Sohlen. Der geschorene Schopf mit einem dunkelroten Schimmer verschwand unter einer ausladenden Wollmütze. Ihr dezent rötlicher Teint passte zum auffrischenden Wind. Wer genau hinsah, konnte in ihrer Augenfarbe, einen Tick zu Chromgrün, auf Toxizität schließen. Das sollte als Warnung gereichen. Wie gewohnt ruhte ein praktischer, widerstandsfähiger Rucksack in Feuermelderrot auf ihrem Rücken, akkompagniert von einem soliden Regenschirm. Brynda dekorierte sich Gräg um Hals und Schultern wie eine besonders ungewöhnliche Feder-Boa. Malin seufzte und nickte. !i*i! Chise nahm Vidale ungeniert bei der Hand, während er den für die anderen unsichtbaren Spuren folgte. Es war ziemlich viel los, Großeinkauf, Kinder-Faschingsumzüge, Valentinstag-Feiernde und das übliche Straßentheater. Brynda grinste amüsiert, weil sie in ihrer Aufmachung tatsächlich an eine antike Superheldin im Comic-Format erinnerte. Unpraktisch langer Umhang, Kunstleder-Waffenrock darunter, Strumpfhosen, Kapuzenpullover und stromlinienförmige Turnschuhe. Gräg kicherte, was seine Tarnung als Dekorationsartikel gefährdete, doch niemand wagte, diese gruselige Mischung zu kommentieren. Allzu deutlich zeichneten sich imponierende Muskeln ab. Malin hatte aus unerfindlichen Gründen einen Overall bekommen, der aus schäbigem braunen Plüsch eine weiße Brustpartie, einen Puschel und zwei lange Ohren bot. „Das ist möglicherweise ein Osterhasen-Kostüm“, hatte Vidale zögernd angemerkt. Er verwahrte menschliche Kleidungsstücke zur Tarnung, die meist unauffällig requiriert und nie vermisst wurden. Für Malin, der versucht war, sich die luschigen Löffel unters Kinn zu binden, absolut nachvollziehbar. Grässliche Klamotte! Zumindest wies sie den Vorteil auf, darunter tragen zu dürfen, was beliebte und warmhielt. Er war derart nasskaltes Wetter einfach nicht gewöhnt. „Hab’ sie“, murmelte Chise, beschleunigte elegant, einen violetten Bannstrahl aufs Trottoir werfend. „Prima“, lobte Vidale, der unter einem durchsichtigen Regencape mit Gehrock, Kniehosen und voller Montur der Regency-Herrenmode Tribut zollte. Lediglich die schwarzen Locken im Zopf entsprachen nicht mehr dem Rigeur für junge Männer. Die Brille, die er trug, leuchtete dezent seine feinen Gesichtszüge aus und täuschte einen hellen Teint vor. Zehn Minuten konzentrierten Marsch später erreichte die Gesandtschaft eine Bäckerei-Filiale. „Oh nein“, murmelte Chise, wandte sich zu Pyrophya um, „was GENAU treibt diese Marille um?“ Die Inspize studierte kurz ihre Notizen. „Hm, hier steht was von Sauerteig und Hefen“, bemerkte sie kritisch. Gräg gluckste, „suchen wir tatsächlich eine Brot-Sommelière?“ Vidale zupfte zögernd an Chises prächtigem, umgeschlagenen Ärmel. „Ob wir vielleicht doch von diesen Liebesäpfeln…?“, fragte er hoffnungsvoll-verlegen. Chise kramte nach Bargeld, warf einen strengen Blick in die Runde und betrat das Geschäft. Vidale wandte sich verlegen an Brynda, „sie sehen so hübsch aus, nicht wahr? Diese hier sind auch klein, da ist der Zucker gar nicht so bedeutend.“ Außerdem gab es wenig, was er als gestrandeter Außenweltler essen durfte, ohne dass es ihm schlecht bekam. Brynda grinste, „ich war schon vor den Kalorien auf der Welt, also kümmere ich mich da gar nicht drum!“ Malin nutzte die Gelegenheit, die grässlichen Hasenohren samt Kapuze nach hinten zu kippen, wischte sich durch die lackschwarzen Haare. „Gibt es hier viele von diesen...Bäckerei-Filialen?“ Inspize Pyrophya seufzte vernehmlich, „ich hoffe doch sehr, dass dieser Wichtel nicht gut zu Fuß ist!“ !i*i! Chise blieb vor der zweiten Bäckerei stehen. Wie würde sich der Wichtel orientieren? Der Nase nach? Fragte sie vielleicht nach dem Weg? Oder… „Hat sie vielleicht Zugang zum menschlichen Internet gehabt?“, wandte er sich an Pyrophya. „Das ist nicht auszuschließen“, antwortete die Inspize. Dieser Wichtel Fixis hatte zumindest grollend, knurrend und grummelnd zugegeben, dass die zwei Entwischten recht findig und Menschentechnik-affin waren. Möglichkeit, Mittel und Motivation: das genügte schon. „Hmm“, murmelte Chise, blickte sich um. Dann marschierte er zielstrebig los, Vidale an der Hand, der immer noch freudig an seinem Liebesäpfelchen lutschte. !i*i! „Öffnungszeiten und der Hinweis auf den Sauerteig“, erklärte Chise seiner Entourage, als sie aus sicherer Entfernung weitab von den Einkaufs- und Flaniermeilen ein Gebäude beobachteten. „In den Filialen wird der Teig nicht vorbereitet“, erkannte Malin, schnupperte. Tatsächlich roch es säuerlich. Vor der Gebäudefront stand ein traditionell gekleideter Wichtel, kaum 1,30m hoch, kompakt gebaut und offenkundig aufgebracht. Die Hände stützten sich auf kräftige Hüften. Ihr Gegenüber war fast 2m groß, bullig, im Ornat des Handwerks weiß gekleidet und verwirrt-verärgert. Die vor dem breiten Brustkorb gekreuzten Arme wirkten nicht, als sei er bereit und willens, Kompromisse zu stehen. Zur gegenseitigen Verwirrung trug auch bei, dass niemand die andere Partei verstehen konnte. „Sie will in die Backstube zu den Hefen“, las Chise von den Lippen ab, drückte Vidale kurz die Hand, „bleib’ bitte außer Sicht, ja?“ Inspize Pyrophya gebot Chise, noch einen Moment zu warten. Der Herr über die Backstube reckte das Kinn, knurrte etwas Mundartliches und ließ Marille stehen. Als sie ihm folgen wollte, schloss er nicht nur die Tür vor ihrer Nase zu, sondern drehte vernehmlich mehrfach den Schlüssel herum. „Unverschämtheit!“, schimpfte Marille empört. „Das ging mir auch durch den Kopf, als ich hörte, dass du dich mit dem Portalpass meiner Freunde davongemacht hast“, schnurrte Chise. Marille rotierte, registrierte Inspize Pyrophya, Malin und Brynda. Sie war umstellt. „Ich wollte bloß eine gute Hefe! EINEN ordentlich Ansatz für Sauerteig!“, begehrte sie auf, „ihr könnt euch nicht vorstellen, wie lange ich das schon versuche! Aber das klappt im Weihnachtsland einfach nicht!“ Ihre Frustration brach sich Bahn, dann schluchzte sie ärgerlich auf. „Du könntest umziehen“, schlug Malin vor, ging in die Hocke, um Marille ins Gesicht zu sehen, „ich kann zum Beispiel für unseren Nachtmarkt wirklich jemanden brauchen, der Brot backen kann! Bei mir gibt es zwar Teigfladen, aber ein Laib Brot ist doch was ganz anderes.“ Marille zögerte, „wo...wo ist dieser Nachtmarkt?“ „Du kannst ihn dir ansehen, wenn wir zurückkehren“, bot Malin an, „Brynda und Gräg hier arbeiten auch dort.“ „Ist es dort kalt? Eisig? Voll mit Rentieren?“, wollte Marille wissen. Malin warf Brynda einen verwirrten Blick zu, „ich weiß nicht, was Rentiere sind, glaube aber nicht, dass die bei uns leben. Es ist richtig warm da, tagsüber mindestens 25 Grad und nachts nicht unter 18 Grad.“ „Ich komme mit“, entschied Marille sofort, straffte sich, „mir hängt Weihnachten so was von aus dem Hals!“ !i*i! „Hier habt ihr euch getrennt?“, Chise sah sich um, zog Vidale in eine halbe Umarmung. Auf dem zentralen Platz herrschte Gedränge, hauptsächlich junge Menschen gruppierten sich immer wieder neu. Marille nickte, tippte auf die Zeichnung, die ihr den Weg zu verschiedenen Bäckereien gewiesen hatte. „Und wo wollte Chromius hin?“, Pyrophya lupfte eine Augenbraue. Der Wichtel zuckte mit den Schultern, „so genau habe ich das nicht verstanden. Irgendwas von einem Board und Codes.“ Chise stöhnte vernehmlich auf. „Was GENAU sucht er denn?“, hakte er ob dieser sehr präzisen Beschreibung nach. Marille seufzte. „Er ist verrückt nach Katzenvideos.“ !i*i! „Was sind Katzenvideos?“, erkundigte sich Malin leise bei Brynda. Die stapfte ungeduldig auf der Stelle, während Chise nach einer Spur suchte. Eintopf-Aroma, schön und gut, aber er hatte noch nie einen Elf verfolgen müssen! „Oh, das sind so kurze...Filmchen. Bilderserien. Mit Katzen. Diese Tiere, vierbeinig, Krallen, Schwanz, Schnurrhaare. Fangen Mäuse“, sie zuckte mit den mächtigen Achseln, „waren bei uns nicht populär. Wahrscheinlich war’s ihnen zu kalt.“ Malin blinzelte verwirrt und knotete erneut die Hasenohren zusammen, damit ihm die Kapuze nicht dauernd über die Augen rutschte. „Er wurde suspendiert“, Marille kramte in ihrem Beutel herum, „angeblich soll man die Katzenvideos sehen, um bessere Laune zu bekommen. Oder das funktioniert nur bei Menschen. Ich fand’s öde, aber Chromius konnte nicht genug davon bekommen.“ „Diese Videos haben Suchtpotential“, wandte Pyrophya ein, die mit ihrem Klapprechner nach irgendwelchen „Boards“ suchte. Es glich einer Nadel in einem Fußballfeld von Heuhaufen! „Heißt das, der Elf ist krank?“, versuchte Malin einen Sinn zu ergründen. „Na, ihm ging’s schon mal besser“, schnaubte Marille, „die anderen Elfen dachten wohl, wenn er den Kram nicht mehr sieht, verliert sich auch die Besessenheit.“ Endlich beendete sie ihre Suche in den Habseligkeiten und reichte Chise ein schmales Etui, in welchem ein geschnitzter Kamm steckte, „den habe ich von Chromius bekommen. Rentierhaut, Stickfäden aus Yakwolle. Hilft das weiter?“ Chise studierte konzentriert die Leihgabe. Seine Augen leuchteten violett auf. „Ich denke, ich habe die Spur“, verkündete er aufgeräumt, drückte Vidale einen Kuss auf die Schläfe, „folgt mir, Kameraden, frisch ans Werk!“ !i*i! „Das gefällt mir nicht“, brummte Chise und schob Vidale behutsam hinter sich. Pyrophya studierte die Klingelanlage. Die meisten Schilder waren offenkundig nur provisorisch aufgeklebt worden. Zudem konnte man den Eindruck gewinnen, dass pro Zimmer mindestens drei Namen aufgeführt wurden. Mittlerweile war es dunkel geworden, nass und stürmisch. Brynda drückte gegen die Eingangstür. Ein splitterndes Knirschen später standen sie im Foyer. „Ich habe Schlüsselkäfer, weißt du?“, informierte Pyrophya sie ohne jeden Groll. „Ich nicht“, grinste Brynda, „ich habe aufgehört, meine Schlüssel zu suchen.“ Gräg gluckste auf ihrer Schulter. „Hier sind viele Spuren“, murmelte Chise, hielt vor dem Aufzug inne, „es waren mindestens drei andere bei ihm.“ Er seufzte, „also die Treppe. Ich gehe vor. Wartet hier, bis ich euch Bescheid gebe, welche Wohnung es ist.“ In diesem Moment ging natürlich die Beleuchtung aus. Chises Augen leuchteten ihm violett im Dunkeln den Weg. Pyrophya zündete mit ihrer Fingerspitze ein dezentes Licht. „Ich brauche frische Luft“, murmelte Malin, dem der Odeur immer stärker zusetzte. „Gute Idee. Wir stehen Schmiere“, verkündete Brynda, dirigierte auch Marille und Vidale wieder nach draußen. „Den Gestank habe ich ganz sicher nicht vermisst“, verkündete sie, spazierte selbstbewusst um das Gebäude herum. „Wir sollten Pyrophya nicht aus den Augen verlieren“, bemerkte Vidale besorgt. Malin studierte unterdessen die äußeren Aufbauten. Es gab eine Nottreppe als zweiten Ausgang zu winzigen Notbalkonen. Er nahm geübt Anlauf, sprang ab und landete geschmeidig ÜBER der mannshohen Sperre, die ein Eindringen über die Nottreppe verhindern sollte. Raubtierhaft geschickt überwand er die Höhenmeter, spähte rechts und links über die Notbalkons nach beleuchteten Fenstern. Wie sahen Elfen eigentlich aus? Nun, wenn Chise ihm zuvorkam, würde er eben von dieser Seite dafür sorgen, dass Rückendeckung gegeben war! !i*i! Chise seufzte, als Pyrophya allein dem Aufzug entstieg. „Wo sind denn die anderen?“, flüsterte er, ließ das Flurlicht ausgehen. Pyrophya seufzte, „Brynda steht wegen des Gestanks mit Marille und Vidale Schmiere. Und Malin ist außen hochgeklettert.“ Für einen Moment schloss Chise gepeinigt die Augen, was den Flur in vollkommene Dunkelheit tauchte. Wieso hielt er sich bloß an die Regeln für Anschleichen und Überwältigen?! !i*i! Malin fiel eher das Schattenspiel auf als dass er eine konkrete Entdeckung gemacht hätte. Eine Silhouette zappelte herum, hektisch. Die Worte konnte er nicht verstehen. Geschmeidig ließ er sich auf den Notbalkon gleiten. Und tatsächlich wurde ihm etwas geboten: in einem unerwartet hell ausgeleuchteten Zimmer, das von einem Bett und diversen Aufbauten beherrscht wurde, lag ein menschlicher Mann reglos am Boden. Ein zweiter krümmte sich in eindeutiger Weise, die darauf schließen ließ, dass sein persönlicher Beitrag für eine Nachfolgegeneration sehr unwahrscheinlich sein würde. Der dritte Mann baumelte zappelnd im unerbittlichen Griff eines anderen. Sehr schlanke Glieder, ein schmaler Rumpf, exotischer Einteiler, grün-schwarz schimmernde, schulterlange Mähne. Das Gesicht im Profil war feingeschnitten mit hohen Wangenknochen. Auf dieser fiel ein grünlicher Schimmer. Höflich klopfte Malin an die Scheibe, die Kapuze mit den verknoteten Hasenohren auf den Rücken geschoben. Der Angreifer wandte den Kopf. Tatsächlich leuchteten grüne Iris ein eingefallenes Gesicht mit Stummfilm-Augenringen und beschatteten, eingefallenen Wangen aus. Malin ahnte spitz zulaufende Ohren. „Guten Abend“, grüßte er höflich, „ich heiße Malin. Bist du Chromius?“ Der Elf blinzelte, schnellte jedoch herum, als habe er ein Geräusch vom anderen Ende der winzigen Wohnung vernommen. „Wo sind die Katzen?!“, schüttelte er den Menschen in seinem Zugriff, „ihr habt mir Katzen versprochen!“ Chise und Pyrophya betraten das Zimmer. Malin winkte höflich und studierte die Notbalkontür. Wie bekam man sie von außen auf? Daimonenkäfer von innen brachten Abhilfe. Pyrophya adressierte unterdessen Chromius, „es hat keinen Sinn, hier zu verweilen, Chromius. Hier gibt es keine Katzen. Das war lediglich ein Vorwand, dich anzulocken.“ Zu welchem Zweck, das verrieten die Aufzeichnungsgeräte und diverse andere Utensilien. Von einer freiwilligen Mitwirkung schien niemand auszugehen, was einige der Artikel verrieten. „Ich bin hier für Katzenvideos“, krächzte Chromius heiser, „ich will die Katzen sehen!“ Malin und Chise wechselten Blicke. Offenkundig GAB es sowohl eine Suchtgefährdung als auch Entzugserscheinungen! „ICH kann mit dir nach Katzen suchen“, bot Malin rasch an, ließ ein Schnurren in niedriger Frequenz ertönen. Für ihn wirklich keine Herausforderung. Wie elektrisiert wirbelte Chromius herum, ließ den ächzenden Menschen achtlos fallen. „Komm’ mit mir raus aus diesem grässlichen, stinkenden Gelass“, bot er Chromius die Rechte an. „Du wirst mich auch nicht betrügen?!“, hakte der Elf nach, ergriff jedoch schon seine Hand. Wie das letzte Streichholz, die letzte Rettung. „Nein, ich verspreche es beim Großen M“, versicherte Malin. „Wir-kriegen-dich…“, drohte für alle außer Malin unverständlich der sich nicht mehr ganz so krümmende Mann. „Das glaube ich nicht“, Pyrophya holte aus ihrem Rucksack den Friedensstifter, wog dessen Gewicht. Dann ließ sie mit großer Genugtuung temporäre Amnesie bei allen drei Menschen einsetzen. !i*i! Brynda hatte die Gelegenheit genutzt, einigen Eckenstehern und Aufreißern zu verdeutlichen, dass ihre Fäuste Schmiedehammer-Qualitäten hatten und sie weder Beleidigungen noch aufdringliche Avancen unbeantwortet ließ. Vidale und Marille verfolgten die Auseinandersetzungen mit großem Staunen. „Wir sind ja wohl jetzt hier fertig, nicht wahr?“, Chise ergriff sofort Vidales Hand, „dann macht’s gut, Leute, wir haben jetzt unser Rendezvous!“ Entschieden lenkte er ihre Schritte vom Haus weg, um sich nun ENDLICH mit Vidale amüsieren zu können. Pyrophya lächelte, angelte in ihrem Rucksack herum, richtete ein Gerät aus. Als „besorgte Bürgerin“ würde sie eine offenstehende Tür melden und Geräusche einer Auseinandersetzung. Was die Polizei dann noch finden würde, wollte sie gar nicht so genau wissen. „Wo sind die Katzen?“, erkundigte sich Chromius heiser, starrte Malin herausfordernd an. Dank Schlafmangel und Auszehrung wirkte es erschreckend. „Gehen wir ein bisschen. Hier riecht es zu widerlich“, Malin bewegte sich geschmeidig weg vom Haus, während er leise schnurrte und auf seine Pheromone setzte. Wie unter Bann stakste der Elf hinter ihm her. Brynda zuckte mit den Achseln, warf Pyrophya einen Blick zu und schloss sich mit Marille ihrer seltsamen Prozession an. !i*i! Die Katze, mit einem schmalen Bändchen geziert, residierte auf einer sehr hohen Mauerkrone. Malin schnurrte und purrte, streckte die Hand aus. Sie ließ sich streicheln und necken, bevor sie demonstrativ gähnte, um ihre spitzen Zähne zu präsentieren. Chromius starrte bloß hoch. „Willst du versuchen, ob sie sich von dir anfassen lässt?“, half Malin sanft aus. „Sie ist...echt“, murmelte der Elf matt. Nicht einen Wimpernschlag später sackte er in schlanker Anmut in sich zusammen. !i*i! „Das ist weniger auffällig“, kommentierte Pyrophya, als Brynda und Malin sich jeweils einen dünnen Arm über die Schultern legte. Gräg wuselte neben Marille über den Gehweg, was definitiv für Aufsehen sorgen würde. Hätte er sich nicht mit einem bunten Tuch wie eine Art Spielzeug getarnt. „Kein Wunder“, stellte Marille fest, „er hat ewig nicht mehr geschlafen oder was Gescheites gegessen.“ „Das können wir ändern“, entschied Malin. Pyrophya registrierte neugierige Blicke. „Wir nehmen besser das nächste verfügbare Portal“, entschied sie. !i*i! Auf der daimonischen Seite warf sich Brynda mühelos Chromius auf den Buckel und marschierte zum Nachtmarkt. Sie würden zu spät kommen, wenn sie sich nicht eilten! Malin warf Pyrophya einen fragenden Blick zu. Immerhin hatten sie zwei Portalpass-Diebe und Abgängige bei sich plus noch immer ausgeliehene Kleidungsstücke aus Vidales Fundus! „Ich kümmere mich morgen um die Abwicklung“, verkündete die Inspize, „sieht mir nicht so aus, als müssten wir die zwei erneut suchen.“ Malin lächelte, tippte sich grüßend an die Schläfe und beschleunigte, um zu Brynda aufzuschließen. !i*i! Sie verstauten den ausgeknockten Elf in dem winzigen Eckchen, in dem Rahny übernachtete, wenn er zu viel in der Collectio studiert hatte und sich nicht mehr wachhalten konnte. Während Brynda starken Kaffee eintauschte, wirbelte Malin um seine Kochstellen herum. Gräg ging mit Marille auf die Suche nach der Gärstube, die schon eine Weile verwaist war. Natürlich hatte sich ihr Abenteuer am helllichten Tag bereits wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Vor Kundschaft, Interesse und Aufmunterung konnten sie sich kaum retten. !i*i! Bereits am nächsten Abend experimentierte Marille in der wiedereröffneten Gärstube. Die zuständige Quäste überließ ihr gern Gär- und Backstube, denn ein ordentliches Brot wussten hier alle zu schätzen! Mikeel und Rahny verlängerten ihren Aufenthalt im Weihnachtsland trotz der wiedererlangten Portalpässe. Es gab einfach zu viel zu erfahren, zu erzählen, zu zeichnen und zu lachen! Der Elf schlief zwei Tage und Nächte durch. Malin, an knurrende Kronk-Mägen gewöhnt, weckte Chromius schließlich, dirigierte ihn in das nächste Dampfbad und setzte ihm Kostproben seiner Eintöpfe vor. Marille bestand darauf, dass Chromius auch von ihren ersten Versuchsstücken probierte, immerhin waren sie Reise-Gefährten gewesen! Zunächst „funktionierte“ der Elf bloß, aß und trank, während er ins Ungefähre starrte. Malin entsann sich seiner Taktik und unterlegte seine Worte mit einem geübten Schnurren, während er mit tänzerischer Anmut um seine Töpfe wirbelte. Chromius entfaltete schließlich seine langen Glieder, streckte eine Hand aus. Das entlockte Malin ein herausforderndes Grinsen. „Nanu? Willst du lieber mich als eine Katze streicheln?“, schnurrte er provozierend. Brynda gluckste und widmete sich betont konzentriert dem Gemüseputzen, während Gräg plätschernd Schüsseln reinigte. „...ja“, murmelte Chromius zu gleichen Teilen versonnen und von sich selbst verwirrt. Da Malins Libido schon viel zu lange von seiner Kochleidenschaft in den Hintergrund gedrängt worden war, nutzte sie selbstredend die günstige Gelegenheit. Unversehens zog er den überschlanken Elf in seine Arme, schnurrte vernehmlich und küsste die dünnen, vor Verblüffung halb geöffneten Lippen. In den grünen Augen blitzte ein Wetterleuchten. „...mach’ das noch mal“, murmelte Chromius heiser. Keine Aufforderung, die man Malin wiederholen musste. Außerdem hatte er den Eindruck, dass Chromius gerade dabei war, seine Katzenvideo-Besessenheit nach einem neuen Objekt auszurichten. Warum nicht sich selbst offerieren?! Für gute Laune konnte er sorgen! Und auch mehr für die Physis tun als irgendwelche dubiosen Bilder-Serien! Befand Malin selbstbewusst. Außerdem konnte man eine gemeinsame Beschäftigung daraus machen, quasi eine Liebhaberei! Für weitere Kontemplationen fehlte Malin bald das Blut in den oberen Gefilden. Nur Bryndas gutmütiger Einsatz verhinderte, dass zum ersten Mal seit der Eröffnung der Garküche ein Eintopf anzubrennen drohte! !i*i! „Er kommt nicht zurück?“, Leah Lexx ächzte und plumpste ungewohnt ungraziös in den Sessel. „Das hat man mir zu verstehen gegeben“, antwortete Semori unaufgeregt, „offenbar zieht er es vor, in einer Garküche auf dem dortigen Nachtmarkt zu arbeiten.“ Er lächelte süffisant, „die persönliche Betreuung scheint ihm gutzutun. Von Katzenvideos war gar keine Rede mehr.“ Auch wenn er als aufgeklärter Mittler zwischen den Welten keinen Zweifel hegte, dass die Aufzeichnung gewisser Aktivitäten in die Erwachsenen-Sektion gehört hätte. „Wir sollten auch einen Gegenbesuch vereinbaren“, grummelte Fixis. Wieso klappte es hier nicht mit dem Brotbacken?! Das empörte ihn, weil es sich ja um eine Technik handelte und damit sein Ressort! „Vorher sollten wir die Portalpforte reparieren“, erinnerte Semori, „denn ich vermute, dass wir eine recht große Reisegruppe sein werden.“ Und er hatte noch keine Idee, wie er die Yaks davon abhalten sollte, Rahny nachzulaufen! !i*i! Chromius kletterte im Morgengrauen auf Malins Lager, erschöpft von einer langen Arbeitsnacht, dampfgereinigt und splitterfasernackt. „Wir können nach dem Abendessen die Grotte nutzen“, schnurrte Malin, der sich ebenso unbekleidet an ihn schmiegte, vor Glück schwelgte. Tatsächlich nutzen sie die Grotte so oft, dass sie dort beinahe schon einziehen konnten! Tja, seine Pheromone wirkten eben zuverlässig und wie gewohnt überbordend! Chromius lachte leise, „darauf freue ich mich schon, mein liebster Schmusekater.“ Expliziter Cat-Content für ihn, live und in Farbe! Was für ein Glück, dass sie ihre Chance genutzt hatten. !i*i! Ende !i*i! Vielen Dank fürs Lesen! kimera