Titel: Karambolage Autor: kimera Archiv: http://www.kimerascall.lima-city.de/ Kontakt: kimerascall@gmx.de Original FSK: ab 12 Kategorie: Romantik Ereignis: Halloween 2026 Erstellt: 31.10.2026 Disclaimer: - Der schüchterne Detektiv entstammt dem Erfindungsreichtung von Oliver Schlick. - BlueMax geistert durch meine diversen Erzählungen. (>_<) (>_<) (>_<) (>_<) (>_<) (>_<) (>_<) (>_<) Karambolage Rohan nahm die schmale Rampe wie gewöhnlich mit Schwung. Die elektrische Schiebetür quiekte, schnellte zur Seite. Grinsend über die gerade vermiedene Kollision zupfte Rohan sich die Strickmütze mit der linken Hand zurecht, reckte den Arm anschließend, um zu winken. Meliha registrierte seinen spektakulären Auftritt wie gewohnt mit einem nachsichtigen Kopfschütteln. „Hallo zusammen“, grüßte Rohan, legte einen charmierenden Unterton in seine geschulte Stimme. „Irgendwann…“, prophezeite Meliha einen sich noch zu ereignenden Zusammenstoß. Rohan feixte jungenhaft, was man von einem 43-jährigen Mann eigentlich nicht erwarten sollte. „Schau’ dich noch um, ja?“, adressierte Meliha ihn. Damit meinte sie die Bücher-Schreibwaren-Geschenke-Kiosk-Abteilung des ehemaligen Busbahnhofs. „Jawohl, Mylady“, schnurrte Rohan durchdringend, salutierte gekonnt und schmiegte seinen Rollstuhl geschickt um die engen Passagen von halbhohen Regalen und mobilen Ständern. Der ehemalige Busbahnhof war ein einstöckiges Backsteingebäude vom Ende des 19. Jahrhunderts und das „Herz“ des Viertels. Früher hatte man hier vor Schaltern „Vignetten“ für die von Pferden gezogenen Busse erwerben können, in der angeschlossenen Gaststätte die Gazetten bei Kaffee oder Fassbier studieren sowie auf geschwungenen, aber sehr unbequemen Holzbänken warten. Die große Uhr, eine kunstvolle Rosette aus Buntglas und die gerundeten Fensterlaibungen hatten wechselvolle Zeiten überstanden. Alles andere war zum jeweiligen Zweck umgestaltet, angepasst, modernisiert, ausgeleuchtet und verkabelt worden. Nachdem der Busbahnhof nicht mehr einen abseits gelegenen Ort am Rande der Besiedelung darstellte, sondern von diversen Mehrfamilienhäusern, Geschäftsgebäuden und Zweckbauten förmlich umzingelt worden war, benötigte man heutzutage lediglich ein kleines Wartehäuschen mit Plexiverglasung, resistente, grundsätzlich unbequeme Stahlrohrsitze und einen Pfahl mit wünschenswerten Abfahrts- und Ankunftszeiten. Die Initiative zur Belebung des Quartiers hatte vorgeschlagen, einen Begegnungsort für das Viertel einzurichten. Der sich möglichst irgendwann selbst tragen sollte. Keine einfache Aufgabe, doch die drei Betreibenden hatten in das Gebäude eine Bäckerei, ein Bistro, einen Kiosk, eine Versandagentur, eine Bücher-Insel und einen Mini-Kramladen gepackt. Ganz zu schweigen vom kuratierten „Schwarzen Brett“. Mit dem nahegelegenen Discounter und einer Drogerie traf man Absprachen zum Sortiment, sodass man sich keine Konkurrenz bereitete. Zudem gab es einfache Speisen zum Abholen und Mitnehmen. Wenn Rohan von Zuhause aus arbeitete, versorgte er sich hier auch mit vorbestelltem Mittagessen in einer „Lunchbox“ auf Verleihbasis. Ansonsten holte er sich morgens Früh ein Päckchen ab, um das Abendbrot sicherzustellen. Auch an diesem Mittag war viel los. Ein „Knubbel“ bildete sich vor dem Tresen, während Martha der Kasse präsidierte und mit Laserblick für Ordnung sorgte. Schulkinder holten sich etwas auf die Faust, Erwachsene Vorbestellungen ab und Dauergäste etwas zum Sofortverzehr an den wenigen Sitzplätzen. Man musste nicht selbst kochen und spülen, kam in Gesellschaft und tauschte sich aus. Zudem konnte man noch dies und das kaufen, Pakete abholen oder versenden, sich für die Taschenbuch-Bestverkäufe interessieren… Hier schlug tatsächlich das Herz der Nachbarschaft. Rohan schätzte die „Busstation“ auch wegen des Angebots, Bücher ordern und hier abholen zu können. Zudem hatte er eine kaum verhohlene Schwäche für die Papeterie, stöberte gern in Notizblöcken und Ringbüchern. Mit geübter Lässigkeit nahm er in sportlichem Tempo eine Ecke und kollidierte prompt mit einer dunkelgrün gekleideten Person. Zu seiner Beschämung war es nicht das erste Mal, dass er blitzschnell die Arme ausstrecken, das „Fallobst“ abfangen und auf seinem Schoß bergen musste. „Oh, Verzeihung! Alles noch dran? Tut mir sehr leid“, sprudelte er heraus, legte die perfekte Mischung aus Charme, Lausbubengrinsen und um Nachsicht heischendem Tonfall hin. Die Oberarme, die er ergriffen hatte, waren sehnig-muskulös unter der Arbeitskleidung. Über einer recht räudig wirkenden Wollmütze thronten gewaltige Kopfhörer. Eine überformatige Brille verdrängte fein geschnittene Gesichtszüge. Der Schreck stand in blaugrauen Augen. „Entschuldigung. Das war ganz und gar allein mein Fehler“, schnurrte Rohan und übernahm unbewusst eine Dialogzeile aus einem Hörbuch. Zu seiner Überraschung erbleichte das ohnehin blasse Gesicht seines Beinahe-Unfallopfers noch stärker. Man japste nach Luft. „Bist du verletzt?“, Rohan verabschiedete geschulte Stimmlage und Auftreten, studierte besorgt die völlig verspannte Haltung und den wachsweißen Teint. In diesem Augenblick ertönte ein dissonantes Lärmen. „Huggie-Huggie-Huggie-Huggie!!“ Der athletisch wirkende, völlig verschreckte Mann auf seinem Schoß schoss förmlich in die Höhe, klatschte panisch auf einem Mobiltelefon herum, um das alarmierende Kreischen zu ersticken. „He, ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Rohan ernstlich besorgt. Die Körpersprache verriet ihm völlige Verspannung, viel zu hastige Atemzüge, geweitete Pupillen und ein merkliches Zittern. Hatte er etwa eine Panikattacke ausgelöst? Bevor er seine Assistenz anbieten konnte, pirouettierte sein Anfahropfer förmlich, die schweren Arbeitsschuhe nagelten hörbar in den Boden, dann hastete er hektisch davon. (>_<) „Ich hab’ was angestellt“, wandte sich Rohan an Meliha, als sie ihn rief, um sein Lunchpaket einzusammeln. „Wirklich?“, Meliha lupfte skeptisch eine perfekt gezeichnete Augenbraue. Rohan nickte, wendete rasch, um bei Martha seine Außenstände zu begleichen. „Ein Mann im grünen Arbeitsanzug, hab’ ihn touchiert. Aber er wirkte…“, Rohan zögerte. „Oh, du meinst sicher Hagen“, Meliha seufzte, „er ist rausgerannt als hätte ihn der Teufel am Kragen, hat die Geschäftsbriefe und sein Buch vergessen. Ich hab’ bloß wieder dieses besch..eidene Telefon gehört!“ Sie verdrehte eindrucksvoll die Augen. Martha schnaubte ebenfalls verächtlich. „Hagen?“, hakte Rohan nach, „gab es einen Notfall?“ „Pah“, grummelte Martha, „bei Zierpflanzen?!“ Meliha schmunzelte, „er arbeitet in der Gärtnerei zwei Straßen weiter. Ist dort ‚Pflanzenflüsterer‘ für die wirklich teuren Gewächse.“ Unschlüssig drehte sie ein Taschenbuch in den Händen. „Der kommt wieder“, beschied Martha, reichte einen abgenutzten gelben Korb für Post. „Was liest er denn? Ist was Neues reingekommen?“, erkundigte sich Rohan ungeniert neugierig. Immerhin hatte ER es ja jetzt nicht in die Bücher-Insel geschafft. „Detektiv-Serie, aber echt niedlich und sehr unterhaltsam“, Meliha grinste und ließ Rohan verschwörerisch einen Blick auf den Einband werfen. Der fischte sein Notizbuch heraus, „also zu empfehlen?“ „Mir hat’s gefallen“, zuckte Meliha mit den Schultern, „auch wenn es eigentlich für Kinder und Jugendliche gedacht ist.“ Was für Rohan auch kein Ausschlusskriterium darstellte. „Kann ich für ihn, also Hagen, ein Freigetränk beauftragen?“, erkundigte er sich. Immerhin HATTE er den armen Mann offenbar sehr erschreckt. Ob die Kopfhörer seine Annäherung rausgefiltert hatten? Oder sollte er doch mal über eine Klingel nachdenken? »Vielleicht solltest du einfach langsamer um Ecken rollen?!«, ermahnte ihn seine innere Stimme resigniert. Die Absicht gab es ja, aber die Umsetzung…! „Kannst du machen“, Meliha zwinkerte, „ich könnte dir aber auch eine Alternative vorschlagen.“ „Aha?“, geheimniskrämerisch beugte sich Rohan vor, als Meliha sich konspirativ zu seinem Rollstuhl herunterbeugte. „Verrat’ mir was zum dritten Teil und ich erzähl’ dir, wo du ihm persönlich einen ausgeben kannst“, wisperte sie. Rohan lachte. „Du willst doch sicher nicht, dass man mich wegen Vertragsbruch jagt“, neckte er Meliha amüsiert, wechselte in eine bedrohlich-tiefe, grollende Stimmlage, „oder dass ich dich beseitigen muss.“ Meliha zog die Augen zu Schlitzen, was keineswegs besonders bedrohlich wirkte. „Deal or no deal“, flüsterte sie betont frostig. „Also gut“, Rohan verzichtete darauf, Marlon Brandos Synchronstimme aus „Der Pate“ zu zitieren. Seine unerschöpfliche Neugierde verleitete ihn immer wieder zu derlei Aktionen. (>_<) Rohan hatte sich vor zwei Jahren, als sich die Möglichkeit bot, die runderneuerte Erdgeschosswohnung, Prädikat barrierefrei, zu kaufen, in der Umgebung umgesehen. Die Gärtnerei HATTE er vage registriert, aber nicht weiter beachtet. Was nicht Wunder nahm, da man ihm zehn schwarze Daumen an zwei linken Händen attestierte, was lebendige Vegetation betraf. Nicht von ungefähr hatte ihm seine jüngere Schwester zum Einzug einen selbst gehäkelten Kaktus in einem Papp-Töpfchen geschenkt. Während Rohan sein Mittagessen verputzte, las er gleichzeitig einen Auszug aus der Detektivserie, deren jüngstes Werk der völlig aufgelöst vor ihm geflohene Hagen geordert hatte. „So so“, stellte Rohan fest, rieb sich gedankenverloren über die polierte Platte. Keine Bad-Hair-Days für ihn, seit die Geheimratsecken kontinentale Annäherungen angestrebt hatten! Spontan bestellte er alle verfügbaren Titel als elektronische Ausgabe. Obwohl er sich anschließend wieder pflichtbewusst seiner arbeitsvertraglich vereinbarten Tätigkeit widmete, schweiften seine Gedanken immer wieder zu Hagen ab. Was hatte er bloß getan, um den armen Mann derart in Angst und Schrecken zu versetzen?! (>_<) Samstagabend, Halloween Rohan koppelte seinen Rollstuhl ab, kettete sorgsam die Zugmaschine an einen Laternenpfosten. Sämtliche Fahrradabstellplätze waren bereits belegt. Ein gewisser „Wildwuchs“ zeichnete sich darum herum aus. Er musste darauf achten, ausreichend Platz zu haben, um seinen „Herrenschleuniger“ wieder ankoppeln zu können. Zwar war die Strecke zum großen Lager der Gärtnerei nicht zu weit, aber ihm stand nicht der Sinn danach, hier im eigenen Schweiße mit heraushängendem Leckbrett in Erscheinung zu treten. Bunte Laternen schwangen in der kalten Luft zwischen offenen und geschlossenen Unterständen. Überall wuselten Menschen in teils sehr gruseligen Verkleidungen herum. Dazu waren Skelette, Kürbisse, Gespenster und allerlei andere Horrorerscheinigungen dekorativ verteilt. Selbstbewusst suchte sich Rohan seinen Weg, spähte neugierig herum. Meliha winkte ihm zu, zwinkerte verschwörerisch, während sie einen geknickten Hexenhut mit gewaltigem Rand ausrichtete. Rohan deutete eine spielerische Verneigung an, auch wenn das in einem Rollstuhl nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war. Allerdings hatte er seit der Einschulung als „besonders herausgefordertes Kind“ Unterweisungen in Körpersprache erhalten, um sich mit anderen Kindern ähnlicher „Förderungsbedürftigkeit“ austauschen zu können. Ohne den korrekten Ausdruck: Behinderte wurden exklusiv zusammen „beschult“. Andere Zeiten, zweifellos. In der Folge konnte Rohan jedoch Lippen lesen, beherrschte die Gebärdensprache, „rollte“ als Partner Laufstrecken bei Sehbeinträchtigung mit, erkannte Anzeichen von psychischen Ausnahmezuständen und tanzte im Rollstuhl. Sein (notwendigerweise) vorhandener Bewegungsdrang mündete in Schauspielunterricht. Und mit dem Stimmbruch kam eine Unterweisung dazu, wie er seine tiefe Stimme variantenreich einsetzen konnte. Eine „Karriere“ auf der Bühne war keine Option. Rohan genoss das Laienspiel und widmete sich einem sehr zahlenlastigen Studium. Nun arbeitete er bei einer Versicherung, um Risiken anhand diverser Modellrechnungen und Trends einzuordnen. Allerdings verfügte er auch über eine Nebentätigkeit, die ihn unlängst verblüffend populär gemacht hatte. Podcasts, Hörbücher, Hörspiele, sie alle lebten vom lebendigen, authentischen Vortrag. Einschmeichlerisch programmierte Künstliche Intelligenz mit angeeigneter Stimmfärbung wurde häufig abgelehnt. Rohans Agentin, die ihn seit seinem Stimmbruch unter ihren (großen) Fittichen hatte, vermittelte ihm gern kleine Aufträge in Reichweite mit Rollstuhl-geeigneten Aufnahmestudios. Und da war diese Fantasy-Geschichte aus einem unabhängigen Verlag gewesen, die um eine halbstündige Lesung ersucht hatte… Der Rest war nicht nur „Geschichte“, sondern „Geschichten“. Aus einer knackig-kurzen Episode zur Vorstellung der Reihe hatte sich eine unerwartet enorme Nachfrage ergeben. Zeitgleich zu Band 2 war auch eine (gekürzte) Hörbuch-Variante veröffentlicht worden. Rohan, Gelegenheitssprecher, wurde unvermutet bekannt. Das betraf auch frühere Lesungen, die sich über ein weites Spektrum verteilten. „Rohan, mein Bester, so langsam fürchte ich mich davor, dass mir deine Stimme irgendwann aus dem Vibrator entgegenschallt!“, stöhnte seine Agentin geplagt. Sie hatte die Siebzig überschritten und nahm selten ein zensierendes Blatt vor den Mund. Rohan lachte, „ach, das würde ich auch übernehmen!“ Nicht, dass man ihm bisher einen entsprechenden Auftrag erteilt hätte! In Band 3 der Erfolgsserie, die auch darauf aufbaute, dass er erotische Szenen prickelnd einsprechen konnte, wurde es sowohl spannend als auch hitzig. ALLE Interessierten wollten unbedingt wissen, wie es weiterging! Rohan wusste es, natürlich, durfte jedoch nichts verraten. Was Meliha betraf, stellte sich kein Problem dar, denn am 01.11., also morgen, würden ohnehin zeitgleich das elektronische Buch als auch die verkürzte Lesung käuflich zu erwerben sein. Rohan verschaffte sich einen Überblick. Es gab einen Getränkeausschank, Stände mit unterschiedlichen Speisen, dazu noch gruselig-herbstlichen Schnickschnack. Außerdem hatte man auf dem Gelände eine kleine Bühne aufgebaut. Dort konnte man sich produzieren, z. B. als Chor, als Blechbläser-Ensemble, als Trommelgruppe, Gedichte vortragen oder Rappen… Das Publikum war gut gelaunt, gemischt und mehr als bereit, den Abend an Halloween mit ein wenig Grusel, vielen Leckereien und Unterhaltung zu verbringen. Rohan blinzelte tatsächlich, als er eine Gestalt erblickte, die immer wieder über die Bühne huschte. Dieses Mal trug sie keine grüne Arbeitskluft, sondern eine mit Kürbissen bedruckte Jogginghose aus Plüsch, ein Sweatshirt mit einem applizierten Gespenst, die riesigen Kopfhörer um den Hals und auf der räudigen Strickmütze einen Haarreif mit zwei tanzenden Kürbissen als Antennen. Immer wieder quäkte wie ein Fanal der nervtötende Telefonalarm „Huggie-Huggie-Huggie“, während sein gepeinigter Besitzer zwischen den Aufführungen die Technik versorgte. Hagens Schultern schienen bereits mit den Ohrläppchen verwachsen zu sein. Sein angespannter Körper verriet ein hohes Maß an Stress und mühsam kontrollierter Panik. Rohan dachte an dessen Lektüre, an Schüchternheit und den Beinahe-Auffahrunfall. Was sollte „Huggie“ bedeuten?! Kurzentschlossen wuchtete Rohan seinen Rollstuhl über eine Stufe auf die Bühne und steuerte Hagen an. (>_<) „Hallo, ich bin Rohan“, stellte er sich vor und lächelte gewinnend. Die blaugrauen Augen hatten einen roten Stich, der Atem ging zu flach und viel zu schnell. Erneut plärrte das Telefon „Huggie-Huggie-Huggie!“ Rohan vermutete KEINEN unstillbaren Wunsch einer Umarmung auf Denglisch als wenig originellen Scherz mit Hagens Namen. „Ich darf doch?“, angelte er die Lärmquelle aus der hinteren Hosentasche der leuchtend orangefarbenen Plüschhose mit Kürbis-Aufdruck. Er stopfte das Telefon unter sein Sitzpolster, was das Gebrüll merklich dämpfte. „So, das hätten wir“, stellte er geschäftig und zufrieden fest, „kannst du mir bitte helfen?“ Damit fasste er nach Hagens eiskalten Händen, die schon zitterten. (>_<) Natürlich hatte Rohan sich nicht für einen Auftritt angemeldet. Selbstredend war er auch nicht so apart dem Anlass entsprechend gekleidet wie Hagen. Gleichwohl. „Darf ich?“, damit pflückte er flugs den Haarreif mit den tanzenden Kürbissen von Hagens Strickmütze und schmückte das eigene Haupt. Anschließend zog er sein Telefon heraus. „Hilfst du mir netterweise mit dem Mikrofon?“, zwang er Hagen mit schmeichelndem Bariton, weiter an seiner Seite zu bleiben. „…“ Sein uneingeweihter Komplize brachte keinen verständlichen Ton heraus, keuchte stattdessen gequält und blinzelte ihn an. „Du kannst sie aufsetzen“, zwinkerte Rohan verschwörerisch zu den großen Kopfhörern, die nutzlos um Hagens Hals hingen. Für ein Mikrofon mit Ständer benötigte Rohan aus Erfahrung keine Hilfe, aber er wollte Hagen aus dem Strudel der Panik reißen. Der reagierte nun tatsächlich, schloss den Mund und kauerte sich neben Rohan, um die Höhe zu justieren. Unterdessen spulte Rohan rasch Dateien ab, bis er einen Ausschnitt fand. Er lächelte Hagen verschwörerisch zu, der sich bange neben seinem Rollstuhl hinkauerte. „Gruseligen Abend, liebe Leute! Ich heiße Rohan und ich möchte euch von einer seltsamen Begebenheit berichten…“ (>_<) Es dauerte nicht lange. Rohan bemerkte natürlich, dass sein Publikum sich erst kurz wunderte, stutzte… und dann die ersten Personen erkannten, wer ihnen da etwas vortrug. Richtig! Er war nicht nur der Erzähler des Fantasy-Epos, sondern auch der Typ…!! Rohan brachten die Hörbücher und -spiele nicht in Verlegenheit, auch wenn sie explizit sein konnten. Er nutzte seine Stimme, um Menschen zu unterhalten. Jetzt konnte er damit glänzen, sie in seinen Bann zu schlagen. Ein wenig gruseln, verblüffen… und mit einem Auflachen entlassen. Während er den spontanen Beifall quittierte und grinsend auf den Countdown hinwies, der den dritten Teil der Serie einläutete, registrierte er überrascht, dass Hagen noch immer neben ihm hockte. Die Kopfhörer um den Hals. »Du hast auch sein Telefon als Geisel genommen!«, erinnerte ihn mahnend sein Gewissen. »Richtig! Da kann ich ihm ja auch endlich zur Entschuldigung einen ausgeben!«, begeisterte sich sein inneres Honigkuchenpferd. (>_<) „Ich glaube nicht, dass ich mich dieser Herausforderung allein stellen kann!“, behauptete Rohan theatralisch, während er ein Pumpkin-Spice-Latte-Moccachino mit Sahnehaube beäugte. Hagen stand neben ihm, weniger verspannt und verschreckt. Dass seine Komplizenschaft eingefordert wurde, war ihm deutlich anzumerken. „Es sieht… interessant aus“, murmelte er, justierte nervös die überformatige Brille. „Vielleicht sollten wir Gewürzspekulatiuskekse dazu nehmen“, erwog Rohan laut, rollte vor, winkte freundlich. Die meisten Theken an Stehplätzen waren für Rollstuhlfahrende einfach zu hoch. Und seine 1,85m im Liegen halfen im Sitzen auch nicht weiter. „Halloho, guten Abend!“, nutzte er seine joviale Stimme, um auf sich aufmerksam zu machen. Er orderte unerschrocken das Trendgetränk plus Keksen für zwei Personen. Vage spürte er Hagens Anwesenheit in seiner Nähe. „Bitte sehr, und noch mal Entschuldigung, dass ich dich umgefahren habe“, reichte er ihm eine Portion, zahlte und nahm seinen Anteil entgegen. „Das… es ist nichts passiert“, stotterte Hagen, errötete dezent, zuckte zusammen und ergänzte eilig, „vielen Dank! Das war wirklich nicht nötig!“ „Oh doch! Mein Karma-Konto war definitiv in den Miesen!“, widersprach Rohan gut gelaunt, schauderte demonstrativ und grinste Hagen schelmisch an, „du siehst, ich kann gar nicht anders!“ Der wirkte entwaffnet, stieß artig mit Rohan die Keramikbecher (Pfandleihe) an. Zu ihrer Erleichterung schmeckte ihre Auswahl recht ordentlich. „Hast du dich heute freiwillig für den Bühnendienst gemeldet?“, stieß Rohan ein Gespräch an, als sie sich etwas vom Getümmel entfernt hatten. Hagen zuckte mit den Schultern. Rohan lachte. „Oh, ein Fall von ‚freiwillig gemeldet worden sein‘?“, vermutete er unverblümt. „Dann danke ich dir im Namen aller hier! Ich bin zum ersten Mal bei diesem Fest und finde es richtig anheimelnd!“ Hagen zögerte, ermannte sich sichtlich, „also, die Gärtnerei ist jedes Jahr dabei. Als Gewerbetreibende. Und man kann auch seine Angebote ausstellen.“ Betont übertrieben blickte Rohan sich hastig um, „oje, dann werde ich wahrscheinlich hinausgebeten werden!“ Hagen blinzelte verwirrt. Gespielt verstohlen reckte sich Rohan zu Hagen, flüsterte düster, „ich bin ein notorischer Pflanzentod!“ „… ähm…“, lautete Hagens skeptisch-verwirrte Replik, „reden wir hier von einer Ein-Personen-Seuche?“ Das klang gleichsam spöttisch-trocken wie neutral-neugierig, dass Rohan für einen Augenblick überrumpelt war. Er lachte laut heraus. „Mein Lieber, du machst dir keine Vorstellung davon, wie UNFÄHIG ich bei Pflanzen sein kann! Trotz bester Absichten!“ (>_<) Rohan grinste, obwohl ein ungemütlicher Nieselregen eingesetzt hatte. Nachdem er mit seinem „erschütternden Bekenntnis“ das Eis gebrochen hatte, unterhielt er sich angeregt mit Hagen. Dem „Pflanzendoktor“. Der zwar schüchtern war, aber aufmerksam, humorvoll und freundlich. Einen erwärmten Apfelsaft, eine Laugenbrezel und eine heiße Kartoffel später sprachen sie über den schüchternen Detektiv, die „Busstation“, Hörbücher und „den VIP in der Nachbarschaft“. Rohan hatte tatsächlich Autogramme geben müssen. An Selfies war er bereits gewöhnt. Er empfand sich selbst nicht als Berühmtheit oder besonders wichtig. Seine wandelbare Stimme half ihm schlichtweg, andere Menschen gut zu unterhalten. „Dieses Boarding House liegt in meiner Richtung“, teilte er Hagen mit, als sie ihre jeweiligen Transportmittel entketteten. Hagen wirkte plötzlich wieder befangen und nervös. „Lass’ uns zusammenfahren. Bei dem Nieselregen wird man in der Gruppe auch besser wahrgenommen“, überging Rohan bewusst Hagens Stimmungswandel. „Ich suche übrigens noch Mitbewohnende. Ich bin wirklich froh, dass ich meine Wohnung habe“, die Zugmaschine legte ein gemächliches Tempo vor. Hagen trat in die Pedalen eines altmodischen, sehr schlichten Damen-Fahrrads. „Willst du ausziehen?“, hielt Rohan den Gesprächsfaden zusammen. Er spürte, dass er auf einer wichtigen Fährte war. Warum sollte Hagen im Boarding House wohnen? Es war kostspielig und er wirkte nicht, als wolle er sich nur eine zeitlich befristete Unterkunft sichern. „Kündigung wegen Eigenbedarf“, murmelte der Pflanzenflüsterer angespannt, „ich bin auf der Suche nach einem Zimmer, aber…“ Rohan verstand und seufzte hörbar, um sein Mitgefühl zu demonstrieren. Für jemanden, der schüchtern wirkte und mutmaßlich die Kopfhörer trug, um zu viele zu laute Geräusche zu dämpfen, müsste der Kampf im Kreis von Wohnungsinteressierten die Hölle sein! „Komm’ doch mit zu mir und sieh’ dir das freie Zimmer an“, schlug er vor, zielsicher die Zielgerade ansteuernd. „Nein! Ich meine…!“, vor Schreck verriss Hagen fast den Lenker, bremste abrupt. Rohan fuhr eine enge Kehre und blockierte den Fluchtweg. „Autsch, das ist aber eine direkte Abfuhr!“, beklagte er sich geknickt. Hagen war im durch Nieselregen gedämpften Licht der Straßenlaterne käsig im Gesicht. Und wieder angespannt wie ein Flitzebogen! „Nein! So war das nicht…! Aber ich kann nicht…“, stammelte er, zitterte leicht. „Du könntest mit rein kommen, als Freund. Auf eine Tasse Schokolade. Ich laufe nämlich Gefahr zu rosten!“, jammerte Rohan kläglich. Das hängte Hagen förmlich den Kiefer aus Richtung Kniekehlen. „Bitte? Bitte, bitte?“, quengelte Rohan mit patentiertem Welpenblick. Hagen öffnete zwar den Mund, konnte jedoch keinen verständlichen Laut von sich geben. „Ich habe auch eine sehr flauschige Decke zum Aufwärmen!“, erhöhte Rohan ungeniert sein Angebot mit der Raffinesse eines fünfjährigen Bengels. „Äh…“, ächzte Hagen. Da lärmte stark gedämpft sein Telefon unter Rohans Sitzkissen. (>_<) Nachdem sie ihre jeweiligen rollenden Gefährten sicher verstaut hatten, dirigierte Rohan Hagen über die (barrierefreie) Schwelle seines trauten Heims. Hagen wurzelte dennoch dort an, zitterte, die Fäuste geballt. „Ich kann nicht…! Ich hab’ doch…!“ Dann brach die gesamte Vorgeschichte aus ihm heraus. (>_<) Es hätte ein guter Tag werden können. Hagen meldete sich freiwillig, um die Geschäftspost, die noch physisch existierte, in der Busstation abzuholen bzw. aufzugeben. Damit war es ihm möglich, auch den neuesten Band seiner aktuellen Lieblingslektüre um den schüchternen Detektiv zu kaufen. Das wäre sein Lichtblick außerhalb der Gewächshäuser. Sein restlicher Alltag nahm sich nämlich sehr bedrückend aus. Die möblierte Unterkunft im Boarding House verschlang ein Vermögen. Die Suche nach einer Wohnung oder einem Zimmer gestaltete sich hoffnungslos und aufreibend. Der schlichte Gedanke löste schon Stress aus. Außerdem war er heute „freiwillig“ für das Halloween-Fest gemeldet worden. Im Hintergrund zu agieren, außerhalb des trubeligen Lärms, das hätte ihn gar nicht gestört. Aber ER war unverzichtbar auf der Bühne, für die Elektronik! Schließlich betreute er ja auch die diversen Anlagen in den Gewächshäusern, nicht wahr?! Hagen hätte gerne Einwände vorgebracht, doch sein von teuflischen Mächten besessenes Telefon lärmte genau in diesem Moment… und dann war seine Chance dahin. Wenigstens etwas Lektüre… Und dann hatte er die Anzeige am Schwarzen Brett gesehen. Bevor erneut der Fluch zuschlug. (>_<) Rohan lachte, während er Hagen nötigte, aus den Arbeitsstiefeln zu schlüpfen und es sich auf dem Sofa bequem zu machen. „Ja, ich habe auch den Eindruck, dass dein Telefon besessen ist! Im Moment übernehme ich den Job“, kalauerte er grinsend, bevor er sich elegant drehte, um die ausgelobte Tasse Schokolade zu erhitzen. „Es tut mir leid“, wisperte Hagen geknickt, sah sich verstohlen um. Das Wohnzimmer war schmal, bot am Fenster einen kleinen Arbeitstisch, unter dem ein Pappkarton stand. Kein Fernseher an der Wand, nur eine Regalfront mit Büchern, Gesellschaftsspielen, altmodischen CDs und einer recht professionellen Anlage zum Aufnehmen und Abspielen von Tönen aller Art. Die Küchenzeile war konsequent unterfahrbar, sehr aufgeräumt und nicht für opulente Aktionen geeignet. „Das kann jedem mal passieren“, Rohan wedelte die Entschuldigung grinsend weg, „ich hatte bloß Sorge, die E-Mail-Adresse wäre falsch oder sonst was, weil sich niemand gemeldet hat.“ Er transportierte die Becher geübt mit einem quergelegten Tablett. Da rappelte es vernehmlich im Karton. (>_<) „Darf ich vorstellen? Roderich von Manteuffel, aber wir haben uns auf Roddy geeinigt“, Rohan rotierte den Pappkarton, sodass die eingeschnittene Öffnung zu sehen war. Ein winziger Kater mit bläulich schimmerndem Fell schubste einen verfilzten Häkel-Kaktus ohne Topf in die gefährliche Freiheit. Als sich keine Drohung verwirklichte, schlüpfte Roddy vorsichtig heraus. „Es wäre also eine Dreier-WG“, kommentierte Rohan, wartete geduldig, bis der kleine Kater seinen Rollstuhl erreichte, ließ den Arm hängen und pflückte den Kater für seinen Schoß. „Roddy, das ist Hagen. Er ist sehr nett und wir mögen ihn.“ Hagen blinzelte verwirrt ob dieser Ansage. Rohan nippte an seiner Tasse Schokolade, während er Roddy auf das Sofa bugsierte. „Du wirst nicht glauben, wie aus uns eine WG wurde. Das könnte sich NIEMAND ausdenken!“ (>_<) Rohan benutzte seiner „Erzählerstimme“ und beäugte seine beiden Gefährten. Wie zuvor hörte Hagen ihm aufmerksam und gleichzeitig gebannt zu. Roddy hingegen tapste über die Polster und steuerte Hagen an. „Also, eine Bekannte meiner Großtante, -die eigentlich gar nicht meine Großtante ist-, hat eine Freundin, die Katzen der Sorte ‚Russisch-Blau‘ züchtet. Daher auch der Adelstitel von Roddy. Nun, Roddy hat wohl eine Infektion erlitten und blieb auch nach der Geburt blind. Nicht vermittelbar somit. Die Freundin meiner Quasi-Großtante wollte den kleinen Kerl aufnehmen. Allerdings hat sie im Badezimmer unvermutet einen doppelten Rittberger ohne entsprechende Landung hingelegt. Meine angenommene Großtante erfuhr davon und bot sich an, Roddy zu versorgen. Bloß war Lumpi damit gar nicht einverstanden. Lumpi ist, -du vermutest zu recht-, ein waschechter Rauhaardackel. Das erste und bisher letzte Aufeinandertreffen bescherte meiner selbst erklärten Großtante zwei Stunden Aufräumarbeiten in den vorher werten Gefilden ihrer Freundin. Eine Abrissbirne hätte nicht mehr anrichten können. Also bat sie mich, ob ich nicht stellvertretend für sie nach Roddy sehen könne. Mangels Aufzug kam ich aber nicht in die Wohnung, weshalb ich mit einer hilfsbereiten Bekannten Roddy zu mir holte. Nun stellt sich heraus, dass die zwei Wochen geringfügiger Betreuung in eine Lebensgemeinschaft ausarten, weil sich ein Kurschatten gefunden hat, der prompt gegen Katzenhaar allergisch ist.“ Rohan holte Atem und unterdrückte sein breites Grinsen nicht. Hagen lauschte ihm weiterhin mit halb geöffneten Mund, während er gleichzeitig Roddy auf seinem Schoß liebkoste. „Deshalb dachte ich mir, es wäre nett, wenn ich den vorhandenen Platz nicht mit Arbeitsmaterial fülle, sondern mit Leben. Und jemandem, der mir hilft, die Verantwortung für Roddy zu tragen.“ Er zwinkerte, „du scheinst zumindest KEINE Katzenhaarallergie zu haben.“ Hagen klappte abrupt den Mund zu, als wäre der Bann mit einem Wimpernschlag gebrochen worden. Verdutzt blickte er auf seinen Schoß, wo Roddy ein kleines, aber zufriedenes Fellknäuel bildete. „Äh… meine Großmutter hatte Katzen. Nacheinander! Nicht gleichzeitig!“, ergänzte er hastig. Als habe Rohan sie einer unerwünschten Hording-Tendenz verdächtigt. Der lächelte jedoch besänftigend. „Das ist gut. Ich hatte noch nie einen Kater als Wohnungsgenossen, deshalb war meine Lernkurve ziemlich steil.“ Auch wenn er Roddy wirklich nicht mehr abtreten wollte. Er hob den Kopf und zwinkerte Hagen zu. „Wo du gerade hier bist: willst du dir nicht die Wohnung ansehen?“ (>_<) Hagen fühlte sich schuldig und beschämt. Trotzdem hielt er den kleinen Kater behutsam auf dem Arm, als er Rohan folgte. Er DURFTE dieses Angebot nicht annehmen! Eigentlich. Bloß…bloß. Er unterdrückte ein Seufzen und verwünschte das aufkommende Zittern. Roddy maunzte, was ihn ablenkte. Prompt kraulte er den kleinen Kater sanft. Rohan präsentierte unterdessen das Bad mit offener Dusche und WC für Rollstuhlfahrende sowie das unterfahrbare Waschbecken. Sein Zimmer war ebenso schmal wie die Wohnküche, aufgeräumt und so eingerichtet, dass er im Rollstuhl an alles heran kam, was er benötigte. Das zweite Zimmer schien jüngst eingerichtet worden zu sein. Es beherbergte eine Schlafcouch zum Aufklappen, offene Regalbretter an den Wänden, einen Sekretär und eine Kommode. „Die Möbel sind nicht neu. Du kannst gern eigene Sachen mitbringen“, erläuterte Rohan gut gelaunt. „Aber…“, Hagen seufzte laut und erbleichte. Rohan steuerte ihn an, sodass sich fast ihre Beine berührten. „Hör’ mal, selbst wenn der Zettel nicht wegen deines besessenen Telefons zerrissen wäre, hätte ich dir die Wohnung gezeigt. Und dir angeboten, es mit uns zu versuchen. Schau’ mal, Roddy mag dich bereits! Und ich musste dir nicht mal Leckerli in die Taschen schmuggeln!“, ergänzte er grinsend. Hagen ließ die verspannten Schultern sinken. DAS hier war seine beste Chance, quasi ein Wunder zur Zeit großer Not! Aber wenn er...nun, es WAR doch unzweifelhaft unmoralisch! Er setzte sich über andere potentielle Mitbewohnende hinweg! Natürlich hatte er die Anzeige nicht absichtlich zerrissen. Wenn er bloß nicht so schreckhaft und gestresst gewesen wäre… Und gerade, als er sie abgenommen hatte, um den Schaden zu beheben, da fiel er ausgerechnet über Rohan! DEN Rohan! Dessen Stimme… Hastig schüttelte er den Kopf, als könnte er damit auch entsprechende Gedanken los werden. „Du musst dich nicht gleich entscheiden“, beruhigte Rohan ihn verständnisvoll. „Sag’ mal, hast du schon den neuen Band fertiggelesen? Vom schüchternen Detektiv?“ (>_<) Rohan grinste stolz. Er hatte Hagen eingeladen, es sich mit Roddy auf dem Sofa gemütlich zu machen, während er ihm die noch unbekannten Kapitel vorlas. In seiner Stimmlage für besonders… vertrauliche Momente. Hagen, offenkundig erschöpft von Stress, Panikattacken, Sorgen und Schuldgefühlen wegen eines versehentlich zerrissenen Aushangs, nickte prompt ein. Behutsam deckte Rohan ihn zu, pflückte die großformatige Brille ab. Ohne die Kopfhörer und das „Fenstergestell“ konnte man die feingeschnittenen Gesichtszüge viel besser erkennen. Roddy schnurrte leise. „Genau“, wisperte Rohan und dämpfte das Licht. Dann rotierte er, um in seinem Zimmer vor dem Schlafen noch einen Freund zu kontaktieren. BlueMax war definitiv eine Nachteule und erklärte sich nur zu gern bereit, das „besessene“ Telefon aus den niederträchtigen Klauen von unerfreulichen Zeitgenossen zu befreien. (>_<) Hagen erwachte grundsätzlich vor dem Wecker seines Telefons. Meist bereits angespannt und nervös. Dieses Mal...hörte er ein leises Geräusch wie von Wind durch belaubte Baumkronen. Er blinzelte, richtete sich auf. Roddy grummelte unzufrieden. Schlagartig setzten Erinnerungen ein, auch ohne Brille. Besänftigend kraulte Hagen den kleinen Kater, fahndete mit seinem unerklärlich friedlichen Telefon nach seiner Brille. Dann raufte er sich den meist versteckten Lockenkopf. Richtig, er war bei Rohan. DEM Rohan. Der ihn einlud, in diese WG hier einzuziehen. Und… Ratlos starrte er auf sein Telefon. Es wirkte… so harmlos! Und… er konnte den Zugangscode neu vergeben?! (>_<) „Oh, guten Morgen!“, Rohan grüßte freundlich, als er das Bad verließ, „ich habe dir schon ein Handtuch rausgelegt. Bedien’ dich auch gern bei der Zahnpasta. Ich habe bloß keine Ersatz-Zahnbürste.“ „Guten Morgen“, Hagen blinzelte, präsentierte einen beeindruckenden Lockenschopf, hielt Roddy auf dem Arm, während er mit der anderen Hand sein Telefon umklammerte. „Ah“, Rohan grinste, „schuldig im Sinne der Anklage. Ich habe einen Freund gebeten, es zu exorzieren. Auf die Dauer saß ich doch recht unbequem. Hast du Lust auf Frühstück?“ „Ja… Danke! Wirklich, vielen Dank!“, Hagen blinzelte, bevor sich ein beseeltes Strahlen auf seinem Gesicht ausbreitete, es merklich veränderte. „Da nicht für. Übrigens wüsste ich auch gern, welches der Hörbücher mit meiner Stimme dir am Besten gefällt.“ Er zwinkerte, während Hagen dezent errötete und Roddy wie einen Schutzschild vor sich hob. Der kleine Kater gähnte und maunzte auffordernd. War nicht gerade von Frühstück die Rede gewesen?! Rohan feixte, Hagen biss sich auf die Lippen, bevor sie gemeinsam herauslachten. Ja, das sah doch wirklich nach dem Beginn einer großartigen Dreier-Freundschaft aus! (>_<) Ende (>_<) Gemütliches Halloween 2026! kimera