Titel: Kronks! Autor: kimera Archiv: http://www.kimerascall.lima-city.de/ Kontakt: kimerascall@gmx.de Original FSK: ab 16 Kategorie: Parallelwelt Ereignis: Jahresende 2025 Erstellt: 24.-31.12.2025 (Jeden Tag ein Stück bis zum Jahreswechsel!) Disclaimer: - „Nothing else matters“, James Hetfield, Lars Ulrich (Metallica) - Rest: Meins! Hinweise: - Phileas, Thi-Anh, Vidale und Chise sind in „Vidale“, „Chise“, „Phantom“ und „Vampir“ aufeinander getroffen - Malin erscheint in „Vampir“ zum ersten Mal - Inspize Pyrophya sorgte für „Friede, Freude, Eierkuchen“ - ‚Morgen‘ und Xa’du lernen sich in „Das Experiment“ kennen - Malabsorbo treten in „Zweisam“ auf - Heinrich Clan Zündfunken richtet in „Die letzte Kampagne“ und „Linie D“ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ ~*~#~*~ Kronks! Teil 1 – Was alle mal gehört haben Kronks lebten im düsteren Distelwald. Sie waren RIESIG, brüllten ohrenbetäubend laut und wenn man ein ungezogenes Daimonenkind war, fand man sich möglicherweise auf ihrem Speisezettel. Außerdem konnten sie keine Portale durchqueren. Das musste ziemlich frustrierend sein. Was vielleicht das Gebrüll erklärte. Wie GENAU sie aussahen, war schwierig zu bestimmen, weil niemand behauptete, sie schon mal tatsächlich erblickt zu haben. Oder die Person hatte das Menü erfolgreich bereichert und fiel als Zeugnis aus. Einige erklärten die ganze Angelegenheit als Unsinn. Wieso sollten da Leute herumlaufen, die andere Leute verputzten, ohne dass sich die P.U.D.E.L. eingemischt hätten?! Das würde der Große M. garantiert nicht ohne Konsequenzen geschehen lassen! Wobei...also, die P.U.D.E.L., die Paramilitärische Untergrund-Division enigmatischer Lieblingslakaien bekam man auch kaum zu Gesicht. Was gut war, denn sie traten dann auf, wenn man sich in ERHEBLICHE Schwierigkeiten gebracht hatte und der Große M dies höchstpersönlich regeln wollte. Allerdings bestritt niemand, dass es die P.U.D.E.L. gab, auch wenn man sie selten traf. Dem Großen M konnte man hingegen ziemlich häufig begegnen, wenn die Pudel ausgeführt wurden oder ein Schwätzchen anstand. Der Große M mochte Daimonen, Pudel und interessante Begebenheiten. Seine Existenz hielt den ganzen „Laden“ am Laufen, und zwar schon seit tatsächlichen Ewigkeiten. Wenn es Kronks gab, dann konnten sie wohl kaum so fürchterlich sein, oder? ~*~#~*~ Teil 2 – Der Plan Die beiden Sonnen waren bereits untergegangen, aber unter dem dichten Busch fühlte sich der Boden noch warm an. Deshalb saß es sich dort recht bequem, während man durch kleine Lücken zwischen dem Laub nach oben sah, wo sich Sternbilder anboten. Und wenn man bereits fünf Jahre alt war, einen recht vorzüglichen Plan ausgeheckt hatte und ein festes Ziel vor Augen, dann konnte man auch geduldig sein. Sich rausschleichen und unter einem Busch darauf warten, dass die Flaschenpost erfolgreich gewesen war. ~*~#~*~ „Du sitzt tatsächlich unter dem Busch“, stellte eine Stimme entschieden fest. Shriek grinste unwillkürlich. „Es ist ein öffentlicher Busch, du kannst gern Platz nehmen“, bot die kleine Banshee höflich an. „Pah!“, schnaubte die Stimme grimmig, „weißt du nicht, dass Kronks RIESIG groß sind?!“ „Wie kommt es dann, dass sie sich durch den düsteren Distelwald bewegen können?“, konterte Shriek amüsiert. „Enorme Geschmeidigkeit!“, behauptete die Stimme nach kurzem Zögern, bevor sie kühl ergänzte, „außerdem fressen Kronks Daimonenkinder, die unartig sind. Du solltest bestimmt schlafen, nicht wahr?!“ „Ich kann nicht schlafen, wenn man den Mond nachts am Besten sieht“, erläuterte Shriek betont sachlich, „außerdem sagen einige, dass es gar keine Kronks gibt.“ Was die Gefahr des Gefressenwerdens doch erheblich reduzierte. „Ach ja?! Wieso schickst du dann einen Brief per Flaschenpost in den Wald an Kronks?!“, empörte sich die Stimme. Shriek kicherte unterdrückt. „Ich glaube, dass es Kronks gibt“, feixte sie, „und wenn du den Brief gelesen hast, musst du ja ein Kronk sein, oder nicht? Sonst wärst DU unartig gewesen und müsstest hoffen, nicht gefressen zu werden.“ Quod est demonstrandum, aber Shriek kannte sich mit Latein nicht aus. „Quatsch!“, polterte die Stimme grollend und recht laut, „ich fress’ mich doch nicht selbst! Außerdem ist das alles Unsinn! Ich werde mal ein ernstes Gespräch mit diesem Kunibertus führen müssen.“ „Kunibertus?“, wiederholte Shriek verwirrt, während sie ihre Ausrüstung an sich nahm, „wer ist das?“ „‘Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon’“, schnaubte die Stimme, „der Eintrag über die Kronks ist völliger Quatsch!“ „Davon habe ich noch nie gehört“, bekannte Shriek, runzelte unter ihren feinen, weißblonden Strähnen die Stirn, „ist es ein sehr bekanntes Werk?“ Möglicherweise musste man in der Collectio danach suchen? „Hmmm“, es raschelte gedämpft, „es ist vielleicht ein bisschen älter“, bekannte die Stimme schließlich nachdenklich. Shriek schob sich aus dem Busch und zog ihre Ausrüstung nach. Wenig verwunderlich konnte die Banshee niemanden dort sehen. Kronks mussten SEHR geschickt darin sein, Leuten auszuweichen! „Warum willst du überhaupt mit einem Kronk in die Menschenwelt gehen, um den Mond zu sehen?“, erkundigte sich die Stimme argwöhnisch, „weißt du nicht, dass Kronks nicht durch Portale können?“ Shriek justierte ihre Umhängetasche und wischte sich durch die fusselig-dünnen Strähnen. „Ich möchte den Vollmond sehen“, erklärte sie entschieden, „auch wenn es bloß ein Steinklumpen aus der Erde der Vorzeit ist, der von der Sonne angestrahlt wird. Am Besten wäre es als ‚Supermond‘, wenn er besonders nahe ist. Allerdings sind Menschen manchmal...‘ziemlich fies’“, zitierte sie die Worte von Phileas, dem „modernen Vampir“, der zu ihrem Kindergarten zählte und definitiv ein Freund und Menschenkenner war. „Wissen Menschen denn, dass Kronks riesig groß sind und sie fressen, wenn sie unartig sind?“, erkundigte sich die Stimme gedehnt und ein klein wenig boshaft. „Vermutlich nicht“, gab Shriek zu, „aber mir reicht es durchaus, wenn sie mich in Ruhe den Vollmond anschauen lassen, weil ein RIESIGER Kronk sie auf Abstand hält.“ So sah es zumindest ihr Plan vor. Die Regeln des Großen M für die Menschenwelt waren ebenso simpel: nicht einmischen und keine Menschen ohne Not verletzen. „Und was habe ich davon?“, erkundigte sich die Stimme, die zum ersten Mal indizierte, tatsächlich ein Kronk zu sein. „Nun, ich bin sicher, dass ich dich durch das Portal bringen kann. Mit dem Daimonenkindergarten war ich schon mal in der Menschenwelt. Möchtest du nicht wissen, wie es dort aussieht?“, antwortete Shriek und blickte sich suchend um. „Daimonenkindergarten?“, wiederholte die unsichtbare Stimme neugierig, „was ist das?“ „Ein Ort, wo Daimonenkinder sich treffen, zusammen lernen, essen, spielen und zusammenarbeiten“, erläuterte Shriek, bevor sie ergänzte, „Phileas ist zwar kein Daimon und auch kein Kind, aber er kommt auch zu uns. Wir bringen uns gegenseitig viel bei und helfen einander.“ „Es gibt dort etwas zu essen?“, zum ersten Mal klang die Stimme aufgeregt. „Ja“, nickte Shriek zur Betonung, „wir lernen, wie man aussät, erntet und Essen zubereitet.“ Ein merkliches Grollen ertönte, das rasch erstickt wurde. Shriek legte den Kopf nachdenklich schief. „Wenn du magst, kann ich dich gern in den Daimonenkindergarten mitnehmen“, bot sie an. „Alle werden glauben, dass ich sie fressen will“, grummelte die Stimme herausfordernd. „Nein“, Shriek schüttelte den Kopf, dass die flusig-dünnen Strähnen flogen, „wir haben ja genug zu essen da. Außerdem essen Kronks gar keine Daimonen, richtig? Hat dieser Kunibertus in diesem Dingsda-Werk das geschrieben?“ „Mit dem werde ich mich noch unterhalten“, grollte die Stimme grimmig, „ich fresse keine Daimonen.“ Einen langen Augenblick breitete sich eine gespannte Stille aus. „Bist du denn sicher, dass Kronks durch ein Portal passen?“, hakte die Stimme entschlossen eine unsichtbare Liste von Hindernissen ab. „Klar, bis jetzt ist nichts steckengeblieben“, nickte Shriek, „einmal ist sogar durch einen Riss ein riesiges Flugwesen in die Menschenwelt gelangt!“ Sie verschwieg allerdings, dass dieser unfällige Ausflug kein gutes Ende für das Flugwesen genommen hatte. Andererseits lebten Kronks als Daimonen wie alle anderen hier! Warum sollte ihnen die Atmosphäre in der Menschenwelt schaden?! „Wenn du mich in den Daimonenkindergarten mitnimmst, hast du abschreckende Begleitung für deinen Vollmond-Ausflug“, verhandelte die Stimme. Shriek nickte hocherfreut. „Einverstanden!“ ~*~#~*~ Teil 3 – Vollmond-Expedition Shriek hatte bereits Expeditionen mit den anderen Daimonenkindern geplant. Ein Ausflug in die Menschenwelt stellte eine noch größere Herausforderung dar. Immerhin konnte sie für Menschen nicht unsichtbar werden und als vermeintliches Menschenkind hatte sie nachts draußen nichts zu suchen. Andere Banshees fanden ihren Wunsch, in der Menschenwelt den Vollmond zu betrachten (eigentlich war der öde Brocken im Weltraum immer voll!) „ziemlich seltsam“. Sie waren aus der Menschenwelt in die Daimonenwelt gekommen, weil man sie hier aufnahm und da nicht mehr wollte oder vergessen hatte! Zudem erwartete der Große M eine gewisse Zurückhaltung, wenn man die „Seiten“ gewechselt hatte. Keine Frage der Loyalität, eher die pragmatische Erwägung von Einflussnahme auf der Menschenseite. Was wiederum gegen die Regeln verstieß. In ihrer Flaschenpost, dem Fluss anvertraut, der durch das Wäldchen in der Nähe strömte, hatte sie ihren Plan nicht zurückgehalten. Kronks waren offenkundig vorsichtig und schlau, da durfte man sich nicht als leichtfertig bei der Strategie entlarven! Deshalb rollte sie die handgemalte Zweitschrift ihres Plans aus und hoffte, die Stimme bekäme auch eine Gestalt. „Hier ist das Portal. Es ist ziemlich neu und bepflanzt, damit es nicht auffällt. Dort gibt es keine Portalwache, sondern ein Gebäude. Im Erdgeschoss sind Chise und Vidale zu Hause. Sie kümmern sich um Kleidung, die man leihen kann. Wir müssen ja als Menschen durchgehen“, erläuterte sie. „Da und dort sind andere Portale, wenn wir schnell verschwinden müssen“, ihre Fingerspitze tippte auf die Skizze, „beim Abenteuerspielplatz ist ein kleines Wäldchen um die Freifläche. Dort ist nachts bestimmt niemand und wir können den Vollmond ohne zu viel Beleuchtung sehen.“ „Wenn es dort einen Wald gibt, hast du keine Angst, ich könnte in der Menschenwelt bleiben?“, erkundigte sich die Stimme herausfordernd. Shriek runzelte die Stirn leicht, „ich glaube nicht, dass es dir dort auf die Dauer gefällt. Es ist interessant, aber auch sehr laut und kompliziert dort. Man kann schnell in Schwierigkeiten geraten.“ „Die ich auffressen könnte“, grinste die Stimme hörbar. Shriek kicherte, bevor sie den Kopf schüttelte, „wenn du bleiben möchtest, werde ich dich nicht aufhalten. Allerdings sollten wir dann lieber probieren, ob du auch alleine zurückkommen kannst, wenn es dir nicht mehr gefällt.“ „Das wäre wohl besser“, pflichtete ihr die Stimme entschieden bei, „und, geht’s jetzt los?“ Shriek nickte und spazierte voran. Nicht zwei Schritte später schob sich eine Hand mit blauen Krallenspitzen in ihre. „Ich heiße Tae. Und ich BIN ein Kronk.“ ~*~#~*~ Teil 4 - Vollmond-Abenteuer „Diese Sonnensteine sind schon praktisch“, stellte Tae fest, während die blauen Augen leuchteten. Shriek nickte, denn in der Menschenwelt war es sehr kalt. Wenn man unter den ausgeliehenen Decken jedoch einen Sonnenstein trug, kühlte man nicht zu sehr aus. Trotz Super-Vollmond-Nacht hatten sie es in Häuserschatten getarnt ohne Aufhebens über die große Kreuzung zum dahinterliegenden Abenteuerspielplatz geschafft. Shriek kannte den Weg, immerhin waren die Daimonenkinder hier gewesen, um geschickt getarnt und geschminkt zu Halloween mit Menschenkindern einen Herbsttag zu erleben. Die Bäume und Büsche hielten die künstliche Beleuchtung ausreichend fern, dass man sich bequem in die Sandkiste hocken konnte und den Vollmond betrachtete. Shriek erzählte leise, was sie in der Collectio zum Erdtrabanten gefunden hatte. Sie mochte den einseitigen Blick durchaus. „Die Sterne sind hier auch anders“, bemerkte Tae kritisch, schnupperte. Shriek nickte. Offenkundig kamen Kronks tatsächlich nicht allein durch ein Portal auf die andere Seite in die Menschenwelt, denn Tae wusste nur wenig darüber. Dieses merkwürdige Werk, „Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon“, hielt sich nicht mit Menschen auf. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass Kronks nichts über Fahr- oder Flugzeuge, die menschliche Infrastruktur in Großstädten und ihr Verhalten generell wussten. In der Collectio waren sie auch nie gewesen, sondern im Wald. Widerstrebend erhob Shriek sich, klopfte Sand ab und schüttelte die geliehene Decke, die sie wie einen Poncho umgewickelt hatte, aus. „Wir sollten besser zurückgehen, bevor die ersten Pendelnden bei Chise und Vidale ankommen“, erklärte sie. „Verstehe“, Tae erhob sich ebenfalls, „du hältst dein Versprechen doch ein, oder? Der Daimonenkindergarten?“, erkundigte sich der Kronk, wirbelte korkenzieherartige Locken in Dunkelblau herum. „Selbstverständlich“, Shriek nickte. „Oha“, bemerkte Tae, fasste warnend nach Shrieks Hand. Irgendwer musste wohl wie sie auch das Tor, das den Abenteuerspielplatz nachts verschloss, überwunden haben. Und näherte sich nun. Shriek umklammerte Taes Hand nervös. „Oh-oh. Nicht gut“, murmelte sie besorgt, denn im Gegensatz zu Tae verstand sie ausreichend die menschliche, lokale Sprache. Tae schnaubte, „du könntest ihnen ein Ständchen bringen?“ Schließlich waren Banshees als „Todesfeen“ für ihre Stimmen bekannt. Shriek hüstelte verlegen, „na ja, das kann ich nicht, deshalb wollte ich ja, dass Kronks…“ Tae lachte leise und gar nicht freundlich. Das blaue Leuchten ihrer Augen verstärkte sich. „Schön. Aber gefressen wird niemand. Die wirken und riechen nämlich widerwärtig!“ ~*~#~*~ Teil 5 – Merkwürdige Vorkommnisse (stranger things…) Inspize Pyrophya studierte die Situation, bevor sie sich auf die Verkehrsinsel der großen Kreuzung begab. Sie trug passend zur nasskalten Witterung gefütterte Stoffhosen, einen Anorak und geschnürte Schuhe mit federnden Sohlen. Der geschorene Schopf mit einem dunkelroten Schimmer verschwand unter einer ausladenden Wollmütze. Ihr dezent rötlicher Teint passte zum auffrischenden Wind. Wer genau hinsah, konnte in ihrer Augenfarbe, einen Tick zu Chromgrün, auf Toxizität schließen. Das sollte als Warnung gereichen. Wie gewohnt ruhte ein praktischer, widerstandsfähiger Rucksack in Feuermelderrot auf ihrem Rücken, akkompagniert von einem soliden Regenschirm. Vor einer gewaltigen Straßenlaterne mit kronenförmigen Leuchtkörpern schaukelte ein Hubwagen. Dessen Besatzung mühte sich in einiger Höhe, an Revisionsöffnungen heranzukommen. Auf der anderen Seite der Säule studierte eine Person offenkundig die bunten Ergebnisse der örtlichen Strick- und Häkel-Guerilla über der Demarkationslinie der „vierbeinigen Freunde“ in angeleinter Begleitung. Pyrophya ächzte leicht, als die Person, mit einem Kapuzenmantel ausgestattet, der sie für Menschen unsichtbar machte, in einem unmöglichen Winkel den Schädel nach hinten klappte. Einen Wimpernschlag später begriff sie, dass es sich um eine Art umlaufende Maske gehandelt haben musste. Sie marschierte entschlossen aus dem Sichtschutz des scherenförmig hochgeschraubten Hubwagens und präsentierte eine runde Plakette, die in der offenen Hand zur Begutachtung einlud. „Ich bin Inspize Pyrophya. Und was tust du hier?“ ~*~#~*~ „Mikeel, P.U.D.E.L.-Azubi“, erklärte der schlaksige Daimon munter, schüttelte Pyrophya die Hand, „ich habe alle Werke von Sir Arthur Conan Doyle und Dame Agatha Christie gelesen!“ „Tatsächlich“, kommentierte Pyrophya, beäugte verwirrt die Maske, die an einen stilisierten Schakal erinnerte, „ich wusste nicht, dass die P.U.D.E.L. ausbilden?“ „Ich habe mich unaufgefordert beworben“, Mikeel grinste, was prominente Eckzähne aufblitzen ließ, „ich dachte mir, dass meine Kenntnisse von Nutzen sein könnten.“ „Und sie haben dich angenommen?“, Pyrophya hatte Mühe, die finale Eingreiftruppe des Großen M mit einem Spezi in Sachen Kriminalgeschichten zu verbinden. Mikeel schien die Nachfragen keineswegs krumm zu nehmen, „ich habe eine Antwort von einem ‚Morgen‘ bekommen, der mir empfohlen hat, mich der Aufklärung eines Rätsels zu widmen, quasi als Einstand.“ „Aha“, nickte Pyrophya erleichtert. Richtig, ‚Morgen‘ war die einzige menschliche Göttlichkeit IM DIENST, die auf der anderen Seite ebenso wirken durfte. Allerdings wähnte sie die menschliche Göttlichkeit der Hoffnung ausreichend damit ausgelastet, die ehemalige Ameisen-Göttlichkeit Xa’du von allzu enthusiastischen Versuchen abzuhalten, die menschliche Welt mit Liebe zu beglücken. „Die Maske dient mir als Ansporn, um mich richtig einzufühlen“, erläuterte Mikeel unterdessen seine frühere Kopfverhüllung. „Ist das nicht etwas unbequem?“, erkundigte sich Pyrophya. Die Inspize hegte Zweifel daran, dass die P.U.D.E.L.-Truppe außerhalb ihres Clans um Verstärkung warb. „Ja, schon, aber man wächst schließlich mit den Herausforderungen“, grinste Mikeel, zwinkerte ihr zu. Pyrophya seufzte lautlos. Jugendliche Begeisterungsfähigkeit war häufig schwierig zu kanalisieren. „Warum bist du hier?“, erkundigte sie sich. „Wegen des Rätsels“, antwortete Mikeel keineswegs entmutigt, „ich habe diesen Artikel gleich heute Morgen im Omniskop gesehen.“ »Großartig«, dachte Pyrophya, »ein jugendlicher Enthusiast, der auch noch menschliche, lokale Nachrichten aus Pressemeldungen verfolgt!« Das konnte ja heiter werden! Mikeel stopfte seine Maske in eine Umhängetasche unterhalb des Kapuzenmantels. „Also, man fragt sich ja doch, wie diese Leute da oben hochgekommen sind“, gestikulierte er zum Kranz am oberen Ende der Laterne. Auf der anderen Seite erklangen von nasskalten Nebelschwaden gedämpfte Flüche. Die Revisionsöffnungen leisteten offenbar erheblichen Widerstand. „Es könnte sich um einen albernen Scherz halten“, hoffte Pyrophya wider besseres Wissen. „Dann hätte man doch sicher Spuren gefunden“, Mikeels Begeisterung ließ sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen (von denen er zwei sehr kleine an der Schläfe hatte). Seine vollkommen schwarzen Augäpfel funkelten fröhlich, „außerdem sind da noch die anderen Aspekte!“ Pyrophya seufzte nun vernehmlich. Ja, die ANDEREN Aspekte waren Anlass, dass sie hier ihrer Aufgabe nachging! Mikeel zählte an den schwarzen Krallen ab, „zunächst mal der Umstand, dass sie mit dem ‚Obstpflücker‘ heruntergeholt werden mussten, dann die Sache mit den Aliens, das blaue Leuchten und dazu der komplette Stromausfall!“ „Sie waren berauscht von wer weiß was und außerdem nicht gerade die Elite der Gesellschaft“, warf Pyrophya argumentative Knüppel zwischen seine metaphorischen Beine. „Richtig, vielleicht waren sie berauscht, es gab keine Aliens, aber wie sind sie auf die Laterne gekommen? Und wieso fiel der Strom aus? Woher kam das blaue Leuchten?“, Mikeel konterte engagiert, „das ist doch höchst mysteriös.“ Dieses Urteil fällte auch die Presse, die den Artikel mit einem Foto garniert hatte, bei dem die Feuerwehr mit einer Drehleiter samt Korb nacheinander sechs „polizeibekannte“ Unruhestifter auf den Boden der Tatsachen befördern musste. Was vier von ihnen mit akuter Übelkeit quittierten, während die beiden Übrigen gleich in der Horizontale abgefahren werden mussten. „Dafür gibt es bestimmt eine einfache Erklärung“, murmelte Pyrophya. Nur argwöhnte sie, dass ihr diese nicht gefallen würde. Mikeel nickte beifällig, „davon gehe ich aus! Dieses Rätsel ist zu lösen!“ Das tat nun auch die Revisionsöffnung, indem sie sich am Sicherungsband in die Tiefe fallen ließ. Begleitet vom beißenden Gestank geschmorter Kabelstränge. ~*~#~*~ Teil 6 – Besuchstage Daimonen mit den richtigen Fähigkeiten konnten jederzeit über die Portale in die Menschenwelt wechseln, beispielsweise um Energie zu verknuspern, die Menschen verströmten. Für alle anderen, die nicht unsichtbar oder jenseits des menschlichen Bewusstseins operierten, blieben die „Besuchstage“. Wo man sich geschickt tarnte, um in spezialisierter Begleitung die „Nachbarschaft“ zu inspizieren. Der aktuelle „Besuchstag“ setzte sich aus gleich zwei kalendarischen Ereignissen zusammen. Vormittags startete die „Fünfte Jahreszeit“, also der Auftakt närrischen Treibens (in den Regionen, wo man dieses Brauchtum noch lebte). Das zweite Ereignis wurde nachmittags bis abends zelebriert, die Legende eines Heiligen, der einen Mantel als Söldner teilte, um damit einen Bettler zu beglücken. Die Sinnhaftigkeit dieser wahrscheinlich eher metaphorischen Tat konnte man diskutieren. Das tat jedoch den erfreulicheren Begleitumständen im Spätherbst keinen Abbruch, denn ein „Martins-Weck“ schmeckte vielen. Laternenumzüge mit friedlicher Gesinnung und einigermaßen harmonischer Begleitgesang waren auch Daimonen eine nette Abendgestaltung. Deshalb nahm es nicht Wunder, dass diverse Daimonenkinder, geschickt geschminkt und passend ausstaffiert, in sicherer Begleitung einen Ausflug zum Abenteuerspielplatz unternahmen. Das örtliche Komitee, ein gemeinnütziger Verein, organisierte gegen einen kostendeckenden Obolus das Basteln einfacher Windlichter, ein feuerpolizeilich erlaubtes Lagerfeuer mit Kartoffeln, Marshmallows, Stockbrot und „Martins-Wecken“, Tee aus der „Gulaschkanone“ und „Rudel-Singen“, gern in Verkleidung für Fasching/Fastnacht/Karneval. Wichtig blieb, dass vor der Rückkehr die „Häupter der Lieben“ abgezählt wurden, damit man nicht versehentlich ein paar Menschenkinder mitnahm, denen es nicht bekommen würde, die Grenze zwischen den Welten zu übertreten. Dass Daimonenkinder beliebt waren, verstand sich von selbst, denn sie waren sehr geübt darin, sich gegenseitig zu helfen und Lösungen zu finden. Außerdem waren pelzige Pfoten, echte Schnurrhaare und Reißzähne sehr attraktiv! ~*~#~*~ Teil 7 – Die Legende der Tatort-Rückkehr Mikeel trug keinen tarnenden Kapuzenmantel, wie Pyrophya feststellte. Stattdessen war er recht menschlich in Jeans, Kapuzenpullover, einen gewaltigen Wollschal und eine Zipfelmütze gekleidet. Die Aufmachung komplettierte neben einer Umhängetasche ein Kasten an einem Riemen. »Du liebe Güte«, dachte Pyrophya, die KEIN praktisches Ermittlungsset vermutete, sondern schlicht das Arbeitswerkzeug der Malabsorbo, ein Filter bösartiger menschlicher Energie. Eine Vorsichtsmaßnahme? „Guten Morgen“, begrüßte sie Mikeel, „darf ich fragen, was du heute hier tust?“ „Guten Morgen, Inspize Pyrophya“, Mikeel strahlte, zupfte den imposanten Wollschal etwas tiefer, „ich überprüfe eine These!“ Pyrophya gestikulierte zum Malabsorbo-Kasten, „ist das ein Original, oder eher die modifizierte Version vom Erfinder-Einhorn?“ Dann schwante ihr Arges, denn besagtes Erfinder-Einhorn hatte sich selbst damit spektakulär entblößt, da Tarnmäntel nicht feuerfest waren. „Ein Original“, überging Mikeel gut gelaunt ihre argwöhnische Nachfrage, „ich habe es ausgeliehen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie Menschen sagen.“ Dabei schien er sich sehr firm und kundig zu fühlen. „Könntest du mir das bitte näher erläutern?“, Pyrophya spazierte neben Mikeel langsam im Rund um den Abenteuerspielplatz herum. Sie verfügte zwar über menschliches Bargeld, hielt es jedoch für überflüssig, sich schon in die wuselnde Menge hinter den Zäunen und Toren zu mischen. „Fliege 1“, Mikeel feixte einladend, „die Übeltätigen kehren zum Tatort zurück.“ Er wies auf die wieder die feuchtkalten Nebelschwaden durchdringenden Strahlen der künstlichen Beleuchtung auf der großen Verkehrsinsel. „Ich habe mir nämlich gedacht, dass es für diese sechs Menschen nicht typisch wäre, sich auf der Verkehrsinsel aufgehalten zu haben. Näherliegend für ihre nicht so gesellschaftlich erwünschten Tätigkeiten wäre der Abenteuerspielplatz gewesen.“ Er nickte gewichtig, um zwei Finger zu heben. „Fliege 2, hier ist so viel menschliche Energie geballt, dass es für weniger nette Personen einen Anziehungspunkt darstellen könnte. Und da kann ich mich mit diesem Kasten hier gleich nützlich machen.“ Pyrophya nickte langsam. Sie hatte auf dem Abenteuerspielplatz am Morgen nach der mysteriösen Alien-Laternen-Stromausfall-Aktion keine verräterischen Spuren entdeckt. Das war keineswegs verwunderlich, da die Beschaffenheit nicht geeignet war, Spuren länger und eindeutig zuordenbar zu konservieren. „Du vermutest menschliche Übeltäterei?“, hakte sie nach, bemüht, sich keine Hoffnung anmerken zu lassen. Mikeel grinste, „zunächst darf ich mich von Hypothesen nicht einschränken lassen. Vieles ist noch offen.“ Kurz tippte er sie mit einem Ellenbogen an, zwinkerte und wisperte, „ich könnte allerdings eine offizielle Person benötigen, um einer Spur auf den Grund zu gehen.“ Teil 8 – Kollateralschäden „Hallo und einen guten Tag!“, dröhnte Mikeel fröhlich, als er die schmale Gestalt erfolgreich gestellt hatte. Pyrophya auf der anderen Flanke zückte bereits ihre Plakette. „Iks“, antwortete die Gestalt panisch, schrumpfte merklich. Sie trug einen Handtuchturban, eine Sonnenbrille und einen bodenlangen Steppmantel. Über nackten Füßen mit orangeroten Krallen. „Darf ich fragen, was du hier tust?“, Mikeel studierte interessiert fahl-bleiche Gesichtszüge und eine Korkenzieherlocke in Möhrchen-Farbe, die dem Turban entwischt war. „K-k-kindergarten“, stotterte die Gestalt nervös und presste sich an den Zaun, rollte die Schultern ein. Hinter den schwarzen Gläsern der einfachen Sonnenbrille glühte es Orangefarben. Ein statisches Knistern baute sich auf. „Verstehe, du gehörst zur Begleitung, hm?“, schnurrte Mikeel und rückte noch näher, „darf ich uns vorstellen? Pyrophya, Inspize, und ich bin Mikeel, P.U.D.E.L.-Azubi.“ Das statische Knistern steigerte sich, das orangefarbene Leuchten nahm zu. „H-h-allo“, flüsterte die Gestalt bange, wickelte sich die Arme enger um den Leib. „Wie heißt du denn?“, half Mikeel freundlich nach. „...Rahny“, murmelte Rahny verängstigt, rollte sich noch stärker ein. „Freut mich, dich kennenzulernen, Rahny“, verkündete Mikeel aufgekratzt, packte einen steppmantelbewehrten Arm, zog diesen unter der Armbeuge hervor und drückte eine kalte Hand. Die nachfolgende Explosion ließ ihn Sterne sehen. ~*~#~*~ „Verflixt nochmal!“, entwischte es Pyrophya, bevor sie hastig zurückwich und ihren Schirm abwehrend schwang. Unterdessen keuchte Mikeel, bugsierte seine hinteren vier Buchstaben vom unerwarteten Kontakt mit Mutter Erde und erhob sich. „Oha, das ist nicht so gut“, diagnostizierte er, denn der geliehene Kasten für Malabsorbo hatte den Aufprall mit einem unheilverkündenden Knirschen kommentiert. Rahny unterdessen war in die Hocke gegangen, umklammerte sich selbst und winselte kläglich. „Was WAR das?!“, erkundigte sich Pyrophya nervös. „Auf alle Fälle anregend!“, strahlte Mikeel, bevor er ergänzte, „leider nicht ganz ohne Verluste.“ In diesem Augenblick ertönte ein ohrenbetäubendes Grollen. Reflexartig ging Pyrophya auf Abstand, den soliden Regenschirm in Angriffsposition. Mikeel dagegen runzelte kurz die Stirn, tat dann exakt das Gegenteil: er ging vor Rahny ebenfalls in die Hocke, tätschelte sanft eine Schulter, während er mit der anderen Hand in seiner Umhängetasche kramte. „Ach herrje, du hast Hunger, nicht wahr? Hier, ich habe mir Proviant eingesteckt. Probier’ mal, Rahny.“ ~*~#~*~ Teil 9 – Enthüllungen! Mikeel wartete geduldig darauf, dass Rahny sich so weit entrollte, eine in Blätter eingewickelte Teigtasche entgegenzunehmen. Doch sein Gegenüber kniff offenbar die Augen fest zu, was das orangefarbene Leuchten beendete, umklammerte sich selbst und versuchte, im Steppmantel zu verschwinden. „Du kannst es ruhig probieren“, ermunterte Mikeel Courage, „ganz frisch!“ Das Trommelfell sprengende Grollen ertönte erneut. Gefolgt von einem kläglichen Winseln. Mikeel warf Pyrophya einen entschuldigenden Blick zu, bevor er die Taktik änderte, ungeniert die Sonnenbrille von der Nase zupfte, was hysterische statische Entladungen mit Funkenflug auslöste. „Du musst keine Angst haben, Rahny, wir tun dir nichts“, versicherte er, „soll ich den anderen Kronk mit den blauen Augen holen?“ Während Pyrophya ein Zischen unterdrückte, riss Rahny die Augen auf, eindeutig panisch. „I-ich war’s! Nur ich! M-m-meine Schuld!“, plädierte Rahny sogleich stotternd. Mikeel bot erneut den nun ausgewickelten Proviant an. „Lass’ uns darüber sprechen, wenn du etwas im Magen hast“, riet er nachsichtig. „H-h-ab niemanden gefressen!!“, plädierte Rahny, während sich knisternde Funken in den Steppmantelstoff brannten und wenig agreable Brandgerüche auslösten. „Oha“, murmelte Mikeel, merklich beeindruckt von diesem Schauspiel. Dann beugte er sich grinsend vor und dippte einen Kuss auf die bebenden Lippen. ~*~#~*~ „Unprofessionell“, grummelte Pyrophya, studierte Mikeels statisch aufgeladene, leicht angesengte Haarspitzen. Der zwinkerte bloß, während Rahny fahl-bleich den Eindruck machte, gleich in einem Loch versinken zu wollen. „Woah, das ist echt ANREGEND!“, kommentierte Mikeel amüsiert, „können alle Kronks so was?“ Rahny schüttelte eilig den Kopf, was dem schwankenden Handtuchturban den Rest gab. Der schwelende Stoff glitt herunter und enthüllte eine Unmenge sehr langer Korkenzieherlocken in Möhrchen-Farbe. Die orangefarben leuchtenden Augen starrten Mikeel tellergroß an. „Iss was, bitte“, Mikeel schnappte Rahnys Hand, ignorierte die statische Aufladung und platzierte die Teigtasche darin. Rahny schniefte vor Schreck. „Niemand tut dir was, versprochen. Hab’ keine Angst“, damit streichelte Mikeel über ein paar vernehmlich knisternde Korkenzieherlocken. Rahny liefen Tränen aus den Augenwinkeln, als er einen zögerlichen Happen nahm. Pyrophya seufzte, nahm ihren Rucksack von den Schultern, öffnete diesen und zog eine Flasche Leitungswasser heraus. Damit taufte sie Rahny und den Steppmantel, um lokale Brandherde auszulöschen. ~*~#~*~ Während Mikeel seinen Proviant sukzessive Rahny aufnötigte, erläuterte er ungefragt seine Schlussfolgerungen. „Erzählte ich schon, dass ich alle Kriminalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle und Dame Agatha Christie gelesen habe?“ Pyrophya nickte nachsichtig, während Rahny verwirrt blinzelte, das Mümmeln verlangsamte. „Wenn man das Unmögliche ausschließt, muss man auf eine logische Erklärung stoßen“, variierte Mikeel grinsend einen Ausspruch des fiktiven Detektivs Sherlock Holmes, „deshalb habe ich mir die Fakten angesehen und Nachforschungen angestellt.“ Er zog aus seiner Umhängetasche eine kleine Tafel, die er auf dem lädierten Malabsorbo-Kasten ablegte. „Ad 1, es gab keine Vorkommnisse über Störungen bei Portalen. Aliens oder verirrte Flugsaurier konnte ich somit ausschließen. Ad 2, die Höhe des Lichterkranzes auf der Laterne. Ohne Hilfsmittel wären die Menschen da nicht hinaufgekommen. Folglich musste etwas oder jemand sie dort abgesetzt haben. Ad 3, der Umstand, dass niemand etwas oder jemanden mit dieser Größe oder Reichweite bemerkt hat. Die Größe musste demnach variabel sein. Eine menschliche Maschine wäre jedoch von den sechs Übeltätigen identifiziert worden. Ad 4, das blaue Leuchten. Blaue Leuchten gibt es in der Menschenwelt bei Sonderfahrzeugen, doch das Licht ist eher kalt. Dieses Leuchten wurde als dunkles Blau beschrieben, als ‚lebendig‘.“ Mikeel tippte mit einem Stück Kreide auf seine Tafel. „Ein Abenteuerspielplatz für Kinder. Sechs üble Gestalten. Sie werden nicht attackiert, sondern lediglich...aus dem Spiel genommen. Weil man ihnen nicht ohne Not schaden darf. Und niemand hat die angeblichen Aliens verschwinden gesehen. Fast, als hätten sie sich in Luft aufgelöst“, er zwinkerte. Rahny kauerte gegen den Zaun gelehnt, von einem nervösen statischen Knistern umgeben. „Du bist also ein Kronk?“, mischte sich Pyrophya ein, deren Augenmerk ihrer Umgebung galt. Sie waren alle für die menschliche Wahrnehmung sichtbar und Rahny nicht gerade unauffällig. Zugegeben, Mikeels kleine Bockshörner gehörten auch nicht zum menschlichen Standard-Repertoire. Allerdings konnte die Wollmütze noch nicht auf die elektrisierten Locken getopft werden. Rahny nickte lediglich eingeschüchtert. „Warum warst du hier, Rahny? Und was ist passiert?“, Mikeel scheute keineswegs davor zurück, sich erneut eine statische Entladung einzufangen, indem er eine kalte Hand mit orangefarbenen Krallen kaperte. Vor Schreck ächzte Rahny und verpasste Mikeel einen Elektrostoß. Der grinste, „gefällt mir!“ Pyrophya seufzte hörbar. Heranwachsende Inkubi! ~*~+~*~ Teil 10 – Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon „V-v-vollmond“, wisperte Rahny, der widerstrebend seine Rechte in Mikeels Obhut lassen musste, „I-I-ICH wollte den Vollmond sehen.“ „Verstehe“, nickte Mikeel aufmunternd, „und du konntest den kleinen Kronk nicht allein lassen, richtig?“ Rahny sackte die Kinnlade herunter. Mikeel grinste nachsichtig, „Tae, oder? Etwa fünf Jahre alt, dunkelblau leuchtende Augen, blaue Krallen, blaue Locken. Trägt meist ein eingeschnürtes Hemd und läuft barfuß.“ Ein klägliches Winseln entwischte Rahny. „B-b-bitte! ICH war’s! Tae hat nichts g-g-gemacht!“, bettelte er entsetzt. Dabei verpasste er Mikeel versehentlich gleich zwei Stromstöße. „Mjamm, das ist wirklich sehr anregend!“, lachte Mikeel, bevor er Rahny studierte, „du hast Angst, dass Tae nicht mehr in den Daimonenkindergarten gehen darf, hm?“ „M-m-meine Schuld! B-b-bitte!“, stammelte Rahny, zitterte am ganzen, eingerollten Leib. Mikeel wandte den Kopf, blickte auf den Zaun und die Richtung dahinter, wo sich fröhliche Kinder tummelten. „Oh“, stellte er leise fest, bevor er Rahny wieder ansah, „Tae hat auch Hunger, nicht wahr? Und im Kindergarten gibt es genug zu essen.“ „W-w-wir essen n-n-niemanden! K-k-keine Kinder! W-w-wirklich n-n-nicht!“, stotterte Rahny gequält. Selbst Pyrophya musste angesichts des verängstigten Elends schlucken. „Ich glaube dir“, versicherte Mikeel ernst, drückte die gekaperte Hand entschieden, „hab’ keine Angst, Rahny. Erzähl’ uns einfach, was passiert ist. Niemand wird irgendwen bestrafen, versprochen!“ »Große Worte«, grummelte Pyorphya in Gedanken, die als Inspize selbstredend eine gewisse Pflicht vor Augen hatte. Andererseits verspürte sie ein merkliches Widerstreben, diesen wahrscheinlich jugendlichen Kronk vor ein Friedensgericht zu schleppen. „Es st-st-stimmt nicht!“, schluchzte Rahny unterdessen, „Kronks sind nicht böse! K-k-kunibertus irrt sich!“ „Wer?!“, erkundigten sich Pyrophya und Mikeel unisono. Woraufhin Rahny schniefend unterhalb des Steppmantels fahndete. ~*~#~*~ „Uralt“, kommentierte Pyrophya und gab den verschlissenen Wälzer zurück. Mikeel nagte an seiner Unterlippe, nachdem er den inkriminierenden Eintrag zu „Kronks, die“ in diesem „kommentierten Konversationslexikon“ gelesen hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, welche „Tafelrunde“ sich mit den vorgeschlagenen Themen unterhalten hatte. Oder warum man sich Themen aufschreiben musste, um ein Gespräch zu führen. Die ergaben sich doch üblicherweise von selbst, oder nicht? „Ihr seid also hergekommen, um den Vollmond zu sehen, ja? Und dann?“, hakte er nach. Rahny verstaute das Machwerk wieder und seufzte. „S-s-ie haben uns eingekreist. Wir konnten nicht weglaufen. ICH dachte...sie sollten aus dem Weg sein. N-n-niemand wurde verletzt!“, plädierte er bange. Mikeel tippte Rahny auf die Nasenspitze. „ICH denke, dass jemand euch zwei als Begleitung durch ein Portal geschafft hat. Und diese Person versteht die menschliche Sprache. Und dann hat Tae die Idee mit der Laterne gehabt, nicht wahr? Müsst ihr eigentlich die Hemden ausziehen, wenn ihr eure Größe verändert?“ Rahny schnappte nach Luft. Mikeel zwinkerte, „Kriminalgeschichten, P.U.D.E.L.-Azubi, Nachforschungen, du erinnerst dich?“ „A-a-aber es ist M-M-MEINE Schuld! W-w-weil ich nicht genug Essen...im Wald…“, Rahny brach stotternd ab, schluchzte unterdrückt. Die unregelmäßigen statischen Entladungen ignorierend zog Mikeel ihn einfach in seine Arme. „Wie lange seid ihr zwei denn schon im Wald?“, fragte er leise, drückte den schlotternden Rahny an sich. „D-d-drei Jahre!“, nun bekam Rahny auch noch einen Schluckauf. „Du lieber M“, murmelte Pyrophya. Wenn Tae gerade fünf Jahre alt war…! „Wo sind die anderen Kronks? Wieso haben sie euch allein gelassen?“, sehr sanft hakte Mikeel nach, ohne jede Andeutung von Verärgerung oder Schuldzuweisung. „W-w-weg gegangen“, schniefte Rahny gequält, „n-n-nicht genug Essen für alle. Die Starken ziehen weiter. Es s-s-sollte für zwei reichen, aber...aber…!“ Seine freie Linke knisterte Entladungen in die Luft. „Du meine Güte“, brummte Pyrophya mitfühlend. In diesem Moment richtete sich Mikeel abrupt auf, riss Rahny fast mit sich. „Na klar!“, trompetete er den Heureka-Moment einer Erleuchtung heraus. Pyrophya lupfte eine kritische Augenbraue, während Mikeel sich aufrappelte und Rahny mitzog. „Es GAB keine verschwundenen Daimonenkinder! Die angeblich gefressen wurden!“, sprudelte Mikeel aufgekratzt heraus, „DAS waren die Kronks selbst, nicht wahr?! Sie haben sich geschrumpft, um Ärger aus dem Weg zu gehen!“ ~*~#~*~ Teil 11 – Eine neue Mission! Pyrophya bestand darauf, dass sie den Rückweg antraten. Für Tae, den anderen Kronk, blieb ja in der Daimonenkinder-Horde mehr als genug gesorgt! Rahny gab sich eingeschüchtert geschlagen, schrumpfte merklich in sich hinein, sodass der angeräucherte, nasse Steppmantel eine Spur über das Pflaster zog. „Faszinierend“, murmelte Mikeel mit glänzenden, nachtschwarzen Augäpfeln, drückte begeistert die gekaperte Hand. Pyrophya seufzte unterdrückt. Auf Schleichwegen dirigierte sie die mutmaßlichen Jugendlichen zum Portal, wo die Leih-Kleidung zurückerstattet werden konnte. Vidale trug den „kleinen Unfall“ bezüglich des Steppmantels mit Fassung und überlegte bereits eifrig, ob man die getrockneten Überreste nicht anderweitig verwenden könnte. Als kleine Kissen beispielsweise? Mikeel studierte unterdessen ungeniert Rahny, der TATSÄCHLICH zu schrumpfen versuchte. Lange, sehnige Glieder, deutlich erkennbare Knochen, schlicht bekleidet von einem Sack mit Armlöchern, der mit einem Gurt in Form gebracht wurde. Dazu kam eine Art Schärpe, die eine Muschelklinge, kurze Dornen, einen Kamm und den grässlichen Wälzer transportierte. Mit einem donnernden Magenknurren endete Rahnys Versuch, sich auf Grundschulkind-Größe zu reduzieren. Vidale zuckte prompt verschreckt zusammen, Pyrophya schnaubte und Mikeel, der schlichte Hosen und ein loses Hemd zu Sandalen trug, applaudierte. „Phantastisch! Wie groß oder klein kannst du werden? Oh, kann das jeder Kronk? Ach, warte, ich habe bestimmt noch irgendwo…“ ~*~#~*~ Rahny zuckelte, einen halben, gesenkten Kopf größer als Mikeel, an dessen Hand im wärmenden Schein der zwei Sonnen durch die belebten Gassen. Er mümmelte brav die Kekse, die Vidale ihm verordnet hatte, außerordentlich besorgt, als man ihm die Ursache für das ohrenbetäubende Geräusch enthüllt hatte. Pyrophya stapfte voran, die Jacke über einen Arm gelegt, der auch den Regenschirm trug. Wenn man den URSPRUNG des Geräusches nicht SAH, konnte man sich durchaus berechtigte Sorgen machen, dachte sie, warf einen kurzen Blick zurück auf ihr Gefolge. Wenn man dann jedoch hörte, dass Rahny ein Kronk war, fiel es deutlich schwerer, sich zu ängstigen als spontan nach etwas Essbarem zu fahnden, um ihn damit zu füttern! „Ich fürchte, das wirft meine Bewerbung etwas zurück“, bekannte Mikeel gerade, dem die unregelmäßigen statischen Entladungen offenkundig kein Unbehagen bereiteten. Pyrophya behielt ihre Meinung lieber für sich und trat beiseite, als sie den kleinen Laden erreichten, wo ein Raupen-Daimon fassungslos den „kleinen Unfall“ mit dem Malabsorbo-Kasten verdaute. ~*~#~*~ „Es t-t-tut mir leid“, murmelte Rahny geknickt, nachdem ein Totalschaden diagnostiziert worden war. „So schlimm ist es nicht“, Mikeel drückte ihm aufmunternd die Hand, „in der Menschenwelt ist dieses Risiko zu vernachlässigen.“ Unverdrossen lotste er Rahny zu einer niedrigen Mauer, die als Bank diente. „Warte einen Moment, ich hole etwas zu essen“, damit drückte er Rahny nieder und hielt auf ein Geschäft mit Sonnensegel über mobilen Ständen zu. Als P.U.D.E.L.-Azubi konnte er ein Kontingent von Mahlzeiten einlösen, was es ihm ermöglichte, zwei große Schüsseln zur Mauer zu transportieren. Rahny kauerte dort, die Beine vor den Leib gezogen, ein kompaktes Paket, spähte ängstlich um sich. Doch niemand schien von ihm ungebührliche Notiz zu nehmen, man nickte grüßen, hielt weiter Schwätzchen, ging den eigenen Aufgaben nach. Niemand nahm schreiend Reißaus oder suchte nach Gegenständen, um sich zu verteidigen! „Bitte schön“, Mikeel reichte ihm eine Schüssel plus Holzlöffel, „guten Appetit!“ „D-d-danke“, wisperte Rahny beklommen, „a-a-aber ich…“ „Du stehst unter meiner Aufsicht“, erinnerte Mikeel grinsend, „das hat Inspize Pyrophya angeordnet. Außerdem bist du ein VITALER Teil meiner sehr wichtigen Grundlagenforschung!“ Rahny blinzelte, was ein orangefarbenes Leuchtgewitter auslöste. „Wir müssen schließlich dafür sorgen, dass dieser Quatsch über Kronks mit Fakten gekontert wird!“, verkündete Mikeel zwischen zwei Happen, „mhhmmm, gut, nicht?“ Rahny starrte ihn ungläubig an. „Aufessen, bitte“, tippte ihm Mikeels Ellenbogen sanft in die knochige Seite, „übrigens, ich MAG Kronks!!“ ~*~#~*~ Heinrich Clan Zündfunken, Vorsitz des Friedensgerichts, beäugte Pyrophya kritisch, während er die Notizen auf Pergament mit spitzen Fingern durchblätterte. „Da soll misch doch…“, wiederholte er immer mal wieder. Ganz offensichtlich waren ihm weder P.U.D.E.L.-Azubis noch „depperte Mensche“ besonders geheuer. Kronks hielt er für ein lebhaftes Gerücht. Nun, bis zum Beweis des Gegenteils. „Was e DURSCHEINANNER!“, beklagte er sich schließlich. „Niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen“, betonte Pyrophya, „außerdem handelt es sich um Kinder. Das ältere, Rahny, ist viel zu bange, um irgendwas absichtlich anzustellen.“ „Un dieser Mikeel?“, Heinrich Clan Zündfunken hatte Einiges gehört und gelesen über enthusiastische Daimonen! Beispielsweise das berüchtigte Erfinder-Einhorn! Er wollte ganz sicher nicht, dass die Arbeitsbelastung in seinem Friedensgericht unerhört anstieg! Pyrophya entschied, Mikeels besondere Qualifikation als Leser von Kriminalgeschichten unerwähnt zu lassen. Oder die selbstgefertigte Schakal-Maske. Oder die nicht so ganz treffenden Vorstellungen davon, was P.U.D.E.L. so taten. „Ein Inkubus, 17 Jahre alt, recht gewitzt. Ihm machen diese...statischen Entladungen nichts aus. Er kann auf Rahny aufpassen und gleichzeitig herausfinden, was Kronks WIRKLICH sind und tun. Diese lächerlichen Gerüchte müssen endlich widerlegt werden.“ Heinrich Clan Zündfunken schnaubte, bevor er elegant sein Hämmerchen schwang. Wie schlimm konnte es schon werden? ~*~#~*~ Teil 12 – Willst du ihn behalten?! Rahny gab sich geschlagen. Oder vielmehr wusste schlichtweg nicht, wie er Mikeel bei der Mission „Grundlagenforschung“ abschütteln sollte. Grundsätzlich verstörten ihn Auseinandersetzungen. Was sich regelmäßig in noch heftigeren statischen Entladungen entlud. Mikeel schien sich verblüffenderweise nicht abgestoßen oder verletzt zu fühlen. Noch ein Grund, Rahny zu verwirren. „Wie alt bist du, Rahny?“, schrieb das Objekt seiner Ratlosigkeit gerade emsig Notizen von der Kreidetafel auf geschöpftes Pergament. „F-f-fünfzehn?“, murmelte Rahny nervös, spähte auf die Zeichen, die flüssig aus Mikeels Feder flossen. „Oho! Wächst du dann noch?“, Mikeel beäugte Rahnys aktuelle Größe, einen halben Kopf über seiner eigenen Scheitellinie. Unbehaglich zuckte Rahny mit den knochigen Schultern. Möglicherweise reduzierte es Mikeels Sympathie, dass er diesen überragte? Automatisch bemühte er sich, seine Gestalt zu reduzieren, quasi ein Reflex. „Nicht doch!“, unterbrach Mikeel ihn grinsend, schnellte vor und küsste Rahny auf eine bleiche Wange. Der oszillierte vor Überraschung kleine Entladungen wie eine Aureole. „Es kostet dich Energie, deine Gestalt zu verändern, nicht wahr? Mir gefällt dein gesunder Appetit durchaus, ich würde vor der nächsten Mahlzeit allerdings gern sehen, wo und wie du lebst.“ Dabei zwinkerte er amüsiert. Verlegen schlang Rahny die Arme um sich, achtete darauf, seine Hände bei sich zu behalten, um nicht versehentlich statische Elektrizität wie Schläge auszuteilen. Er schämte sich durchaus, dass er dauernd Hunger hatte, sich allerdings nicht ausreichend selbst versorgen konnte. „Wo geht’s lang?“, entschieden spazierte Mikeel auf das Wäldchen zu, geprägt von Bäumen und Sträuchern, die trockene Hitze gut vertrugen. Über die Schulter warf er Rahny einen auffordernden Blick zu, streckte die freie Hand einladend nach ihm aus, „ich bin übrigens ein Enthusiast des Pfötchen-haltens.“ Rahnys Kinnlade sackte tiefer, während seine Wangen sich der Möhrchen-Farbe seiner Korkenzieherlocken-Mähne annäherten. ~*~#~*~ Mikeel studierte seine Notizen, während er immer wieder nach Rahnys Hand griff. Ihm gefielen die statisch aufgeladenen Ströme, die ihn unregelmäßig durchliefen, durchaus, sie WAREN an- bis aufregend! Außerdem verspürte er den Wunsch, Rahny Vertrauen einzuflößen, damit der nicht so verängstigt und kleinmütig reagierte. Die Kronks, mit denen er bis hierher gewandert war, hatten sich offenbar von allen anderen Daimonen separiert, sie lediglich beobachtet, um ihnen auszuweichen. Und als sie hier Station gemacht hatten, war offenkundig, dass die zwei schwächsten Kronks zurückbleiben mussten, da der Wald hier für sie ausreichend Nahrung und Obdach bot. Während die anderen ihr Glück woanders versuchen wollten. Kein Kronk schien auf die Idee gekommen zu sein, sich einfach zwischen Daimonen anzusiedeln, um die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern. Das (nach Mikeels Auffassung) fürchterlich veraltete und schlecht recherchierte „kommentierte Konversationslexikon“ bildete die Grundlage für die Einschätzung der Kronks. Was sie selbst und andere betraf. Wenn die anderen wirklich glaubten, dass sie Kinder fraßen, würde man ihnen sicherlich nicht freundlich begegnen! Und wenn sie als Kronks ganz sicher keine Kinder verspeisten...woher kam dann diese Behauptung? Gab es vielleicht andere Kronks, die…?! Sehr gut im Tarnen und lautlosen Anpirschen schien es daher ratsam zu sein, keinen Kontakt mit anderen Daimonen aufzunehmen. So blieb Rahny mit Tae zurück, streng ermahnt, sich nie aus der Deckung zu wagen. „H-h-hier sollte G-g-gemüse wachsen“, wisperte Rahny geknickt, verschwand nahezu hinter seiner gewaltigen Korkenzieherlocken-Mähne, die ungebändigt seine schmale Taille erreichte. Mikeel ging in die Hocke, gab jedoch Rahnys Hand nicht frei, überblickte mühsam gehäufte Hügelchen, in denen verschiedene Pflanzen kümmerten. „Das ist recht...überschaubar, so als Versorgungsgrundlage“, kommentierte er schließlich, blickte hoch. Rahny wirkte so niedergeschlagen und mutlos, dass es ihn selbst bedrückte. „Liegt es an deiner Fähigkeit, statische Elektrizität zu erzeugen?“, er schraubte sich mühelos hoch, schlang ungefragt den freien Arm um Rahny. Der wirkte perplex, weniger der Ursachenforschung für das kärgliche Ergebnis ihrer Anbauversuche als der halbseitigen Umarmung geschuldet. „V-v-vielleicht“, wisperte der Kronk, hielt die Luft an, als Mikeels Nasenspitze sich an seiner eigenen rieb. „Es ist eine bemerkenswerte Fähigkeit“, betonte Mikeel, funkelte mit seinen nachtschwarzen Augäpfeln in Rahnys orangefarben leuchtende Augen, „bitte gib dir nicht die Schuld daran, dass dieser Wald nicht besonders Kronk-geeignet ist.“ Rahnys Lider flatterten, was sich als orangefarbenes Wetterleuchten auswirkte, bevor es verschwamm. Mikeel seufzte hingerissen, bevor er die Initiative ergriff, Rahnys bloße Arme um sich drapierte, während er seine um dessen Korkenzieherlocken-Wust legte und ihn in den Armen wiegte. ~*~#~*~ „W-w-wir schlafen da“, schniefte Rahny und deutete auf eine Senke, die mit getrockneten Kräutern, Gras und Moos ausgepolstert war, von Büschen nahezu verborgen. Mikeel ächzte, denn diese winzigen Kuhlen konnten wohl kaum Raum für zwei Gestalten bieten. Ausgenommen, sie klappten sämtliche Glieder aneinander und rollten sich fötal zusammen. „Das ist...recht...eng“, murmelte er schließlich. „Du nächtigst wohl lieber in einer Hängematte“, warf eine Stimme ein. Mikeel wirbelte herum, denn er hatte Tae nicht kommen hören. Der kleine Kronk wippte mit den blauen Korkenzieherlocken, die vom Kopf abstanden und unterzog ihn einer sehr prüfenden und dunkelblauen Musterung. „Ich bin ein klein wenig klaustrophobisch veranlagt“, bekannte Mikeel. In diese Kuhle würde er sich jedenfalls nicht ohne Not bequemen! „Warum hast du deine Tasche so vollgestopft?“, erkundigte sich Tae argwöhnisch. Man merkte sofort, wer in diesem dynamischen Duo die Richtung vorgab! „Für meine Grundlagenforschung! Ich muss schließlich herausfinden, wie ihr als Kronks tatsächlich lebt!“, verkündete Mikeel überschwänglich, bevor er tatsächlich eine Hängemattenrolle hervorzog. Tae rollte mit den Augen, was interessante Blaulicht-Effekte hervorrief. Sie wandte sich Rahny zu, der verschreckt die Schultern einrollte und die Hände unter die eigenen Achseln klemmte. „Willst du ihn hier behalten?!“ ~*~#~*~ Mikeel amüsierte sich heimlich darüber, dass er wie ein aufgesammelter Findling grummelnd zum Bleiben aufgefordert worden war. Tae schien sich sehr schnell an daimonische Standards anzupassen und zeigte vor ihm keinerlei Scheu. Im Gegenteil. Als Rahny zum Fluss huschte, der die Flaschenpost in ihr Revier befördert hatte, neigte sie sich Mikeel zu, einen sehr entschlossenen Ausdruck auf der Miene. „Wenn du Rahny schikanierst, werde ich dich ordentlich durchbeuteln, verstanden? Ich kann sehr groß und sehr unangenehm werden!“ Mikeel lächelte, weil er sich durchaus vorstellen konnte, wie Tae die sechs Übelwollenden aus edukativen Gründen auf den Laternenkranz befördert hatte. „Ich werde mich mustergültig verhalten“, versprach er, „sag’ mal, zerreißt es euch nicht die Klamotten, wenn ihr so riesig werdet?“ Tae schnaubte, „du redest mit Profis, P.U.D.E.L.-Azubi!“ ~*~#~*~ Mikeel dachte nach, während er im starken Geäst eines Baumes in seiner Hängematte schaukelte und über sich die Sterne beäugte. Kronks hatten selbstredend unterschiedliche Persönlichkeiten wie alle anderen auch, gleich, ob sie Daimonen, Ex-Göttlichkeiten der Menschenwelt oder immigrierte Naturwesen oder Fabelgeschöpfe waren. Was diesen beiden Kronks hier typisch schien, war ihre Fähigkeit, ihre Gestalt zu vergrößern oder zu reduzieren. Wobei Tae grummelig eingestanden hatte, dass sie zwar schon alt genug war, um „groß zu werden“, bloß das Schrumpfen noch warten musste. Auf Demonstrationen hatte Mikeel zunächst verzichtet, wiewohl diese für eine gründliche Erforschung notwendig werden würden. Aber er erkannte auch mit grimmiger Deutlichkeit, dass die erforderliche Energie NACH den temporären Transformationen das vorhandene Potential an Gemüse, Wildbeeren, Kräutern und Saaten bei weitem überstieg. Zudem hatte Tae ihm zu verstehen gegeben, dass SIE beabsichtigte, sich unter Daimonen einzurichten, damit Rahny endlich aufhörte zu hungern, um sie zu beschützen. Wahrscheinlich lagen die Kronks, die weitergezogen waren, gar nicht falsch mit der Annahme, Rahny und Tae konnten sich ausreichend behelfen, bis sie selbst einen besseren Ort zum Leben fanden. Daimonenkinder wurden rasch selbstständig, durchaus, doch es war immer besser, in einer Gemeinschaft zu leben, damit man sich gegenseitig unterstützen und helfen konnte. Rahnys bemerkenswerte Fähigkeit, elektrische Entladungen abzugeben, konnte sich wohl erst nach der Abreise der anderen Kronks richtig entfaltet haben. Und es schien außerordentlich stark von seiner Gemütsverfassung abzuhängen. Mikeel seufzte leise, wirrte sich durch die schwarzen Locken, die noch ein wenig an den Spitzen angesengt waren. Kronks mochten zweifellos Wälder, die ihren Bedürfnissen nach Nahrung, Schutz und lautlosem Agieren entsprachen. Trotzdem hielt er es für angeraten, DIESE beiden Kronks aus diesem Wäldchen zu exilieren. ~*~#~*~ Teil 13 – Es dient der Forschung! „B-b-bist du sicher?“, Rahny umklammerte Mikeels Hand nervös, löste kleine Entladungen aus. „Absolut!“, dröhnte Mikeel entschieden, grinste mit scharfen Eckzähnen, „wir müssen diese Behauptungen überprüfen! Und diese hier lautet, dass Kronks nicht allein durch Portale gehen können.“ Rahny blinzelte ängstlich, starrte auf die bodennahe Markierung bei den Feldern, wo man Kräuter zog. „Ich werde kurz auf die andere Seite wechseln und schauen, ob es ungefährlich ist. Dann komme ich und sage dir Bescheid. Und du versuchst, mir zu folgen“, erläuterte Mikeel seinen Plan. Rahny kannte das Portal. Es war das jüngste, auf der anderen Seite durch Bepflanzung geschützt und bot den sehr praktischen Service von Chise und Vidale, die Bekleidung und Accessoires stellten, um sich in der Menschenwelt sichtbar, aber unerkannt bewegen zu können. „Das funktioniert bestimmt TADELLOS!“, trompetete Mikeel überzeugt, stemmte sich kurz auf die Zehen und dippte ein Küsschen auf Rahnys Lippen. Der blinzelte perplex, errötete und gab schließlich widerstrebend Mikeels Hand frei. „A-a-also gut“, schickte er sich bange in das scheinbar Unvermeidliche. „Bin gleich wieder da!“, versprach Mikeel, huschte zwischen den Markierungen hindurch und war nicht mehr zu sehen. Hastig klemmte sich Rahny wie gewohnt die Hände unter die Achseln und kauerte sich auf den Boden, ein kompaktes Paket. Es ängstigte ihn, ohne Sichtschutz so frei in der Gegend zu agieren. Einige hastige Herzschläge später materialisierte sich Mikeel vor ihm, adressierte zunächst die Augenhöhe, bevor er den Blick senkte, „alles klar...oh, da unten bist du!“ Ohne Kommentar ging er vor Rahny in die Hocke, „ich habe Vidale schon um warme Menschenkleidung gebeten. Wir haben etwas ausgesucht, das nicht so leicht zu entflammen ist.“ Er zwinkerte amüsiert, streichelte frech durch Rahnys Korkenzieherlocken-Mähne, „und auch etwas, um deine Haare ein wenig zu bändigen.“ Sie waren nicht nur Möhrchen-farben, sondern auch spektakulär, das gestand er begeistert ein. Mikeel federte hoch, zwinkerte, „also, du zählst bis drei und machst dann einen Schritt durch die Markierung. Ich warte auf dich!“ Damit verschwand er wieder. Rahny winselte ängstlich, schraubte sich unbehaglich hoch, formte stumm die Ziffern, kniff die Augen fest zu und tapste zwischen die Markierungen. ~*~#~*~ Erkenntnis 1: Kronks konnten tatsächlich nicht allein Portale durchqueren. Respektive, dabei die Dimension/Welt wechseln. Rahny jedenfalls stapfte mehrfach prüfend zwischen den Markierungen hin und her. Es tat sich nichts. Dann materialisierte sich Mikeel, bereits notierend. „Geht nicht“, murmelte Rahny, klemmte sich gewohnt die Hände unter die Achseln. „Nun, das geht einigen anderen genauso“, konstatierte Mikeel aufgeräumt, verzichtete jedoch darauf, sich nach der Person zu erkundigen, die es ermöglicht hatte, dass zwei Kronks sich den Vollmond ansehen konnten. Einen Verdacht hegte er zwar, doch das tat nichts zu SEINER Sache/Mission. Inspize Pyrophya konnte bei Bedarf bestimmt selbst herausfinden, wer nachgeholfen hatte! „Gehen wir zusammen“, damit angelte er selbstbewusst Rahnys Rechte, goutierte die statischen Entladungen mit einem Zwinkern. Rahny winselte leise, ließ sich folgsam in die unfreundliche Nasskälte der Menschenwelt ziehen. Vidale erwartete sie in der gemütlich-warmen ehemaligen Eingangspforte eines gesichtslosen Bürogebäudes. „Ich habe Kleidung herausgesucht, die sich nicht elektrisieren sollte!“, verkündete der gestrandete Weltenreisende freundlich und steckte Rahny sofort einen Keks zu. Über Prioritäten musste man mit Vidale wirklich nicht diskutieren! ~*~#~*~ Mikeel unterließ jede Kritik an der Barfüßigkeit seines Begleiters. Weder Socken noch Sandalen oder gar festes Schuhwerk konnte Rahny ertragen. Er wirkte so kläglich bei ihren Versuchen, dass Vidale und Mikeel nicht drängten. Eine gefütterte Hose, zwei T-Shirts und ein Kaputzen-Sweatshirt wärmten ausreichend unter einem Flanellhemd im „Holzfäller-Karo“. Die beeindruckende Korkenzieherlocken-Mähne bändigte ein Schal, der mit mehreren Umdrehungen einen gewaltigen Zopf zurechtschnürte. Außerdem hatte Vidale mit eigener Erfahrung eine Brille gestellt, deren getönte Gläser das orangefarbene Leuchten reduzierte. Mikeel fand, dass Rahny noch immer spektakulär aussah, jedoch als humanoid durchgehen konnte. Er selbst stach so lange nicht hervor, wie niemand sich über seine nachtschwarzen Augäpfel verwunderte und die kurzen Bockshörner unter der Wollmütze bemerkte. „V-v-vielleicht wären die Mäntel…?“, wagte Rahny schüchtern einen Anlauf, ihre Aufmachung zu kommentieren. „Das hätte einige Erklärungen erfordert“, antwortete Mikeel gelassen. Die Kapuzenmäntel, die ihre Tragenden für menschliche Wahrnehmung unsichtbar verhüllten, waren selbstredend registriert. Er HÄTTE durchaus erneut einen Mantel bekommen können. Wenn er nicht gerade in seinem P.U.D.E.L.-Azubi-Status „beurlaubt“ worden wäre. Allerdings stand es außer Frage, dass er einem Rätsel nicht auf der Spur blieb! Da durfte man sich nicht durch Petitessen aufhalten lassen! ~*~#~*~ Erkenntnis Nr. 2: Rahny konnte nicht nur statische Elektrizität abgeben, er spürte in der Menschenwelt auch, wo sie sich „bewegte“, kumulierte, versiegte. Deshalb wäre Fußbekleidung hinderlich gewesen. Eine phantastische Fähigkeit, bekundete Mikeel seine Begeisterung! Und mit besonderen Kräften ging auch besondere Verantwortung einher, richtig? Was zu Erkenntnis Nr. 3 führte. Und einem „Gastspiel“ vor dem Friedensgericht. ~*~#~*~ Teil 14 – Portal-Verbot! Heinrich Clan Zündfunken ächzte missbilligend. Das hinderte „Lyddja“, die Harpyie, die die Protokolle hämmerte, keineswegs daran, dem Delinquenten im ärmellosen Mini-Sack und Möhrchen-farbener Korkenzieherlocken-Mähne einige Kekse zuzustecken. „Isch fraach misch, was an ‚unauffällisch verhalde‘ net zu kapiere is?!“, grummelte der Vorsitz des Friedensgerichts und verlagerte seine Kampfmasse. Inspize Pyrophya sah sich genötigt einzuschreiten. Selbst wenn sie nicht für die jüngste Kalamität verantwortlich war. Andererseits stand ‚Morgen‘ und seine Maklertätigkeit für die P.U.D.E.L. als nächstes auf ihrer persönlichen Erledigungsliste. „Es wurde größerer Schaden verhindert“, wies sie auf die Konsequenzen hin, „auch wenn die Vorgehensweise möglicherweise ein wenig...kreativ war. Sich nicht einzumischen hätte eine potentielle Gefahrenquelle für Menschen und Daimonen bedeutet.“ „Mir langt’s ebbe!“, stellte Heinrich Clan Zündfunken fest, nachdem er die Nasenwurzel massiert und den Kneifer neu justiert hatte. Er schwang sein Hämmerchen. „Die beteiligten Daimonen werden für zwei Monate nicht Portale durchqueren dürfen!“ Mikeel seufzte und drückte Rahnys Rechte, der nervös Staubpartikel in der Luft entzündete. ~*~#~*~ „W-w-was jetzt?“, erkundigte sich Rahny niedergeschlagen, zupfte an seinem ärmellosen Hemd, das kaum die Oberschenkel erreichte. Erkenntnis Nr. 4: Kronks mussten sich entkleiden, um die Gestalt zu wechseln. Und Rahny hatte außer diesem alten, fadenscheinigen Sack mit Ärmellöchern kein anderes Kleidungsstück. „Wir essen erst mal was“, gab Mikeel einen Plan aus. Noch hatte er ja „Kredit“, das musste genutzt werden. Außerdem beschlich ihn nach einer knappen Unterhaltung mit Inspize Pyrophya der Verdacht, dass seine berufliche Zukunft nicht bei den P.U.D.E.L. lag. „T-t-tut mir leid“, stotterte Rahny mit eingezogenem Kopf und geschrumpfter Gestalt. „Du hast nichts falsch gemacht, im Gegenteil!“, intervenierte Mikeel prompt, rotierte, um Rahny fest zu umarmen. Der zuckte zwar vor Schreck und feuerte entsprechend wild statische Entladungen ab, doch leicht versengte Lockenspitzen schreckten Mikeel nicht ab. „Es war eine PRIMA Idee!“, beharrte er nachdrücklich, funkelte becircend in die orangefarbenen Augen, „ich bin SEHR stolz auf dich!“ Rahny blinzelte, errötete leicht und seufzte leise. „A-a-aber du kannst nicht durchs Portal“, bemerkte er unglücklich. „Erstens ist das nicht von Dauer und zweitens gerade nicht von Bedeutung, weil ich ja Kronks und besonders DICH erforsche!“, verkündete Mikeel streng. Außerdem gefiel es ihm, wie elegant Rahny sich erst AUS der Menschenkleidung schrumpfen konnte, bevor er (pudelnackig) SEHR GROSS wurde! Und wer konnte schon in Sekundenbruchteilen eine Grube ausheben und ein schwelendes Elektroauto darin verbuddeln, um den Batteriebrand zu löschen?! ~*~#~*~ ‚Morgen‘ beobachtete amüsiert, wie die ehemalige Ameisen-Göttlichkeit Xa’du eine Duftorgel bediente. Das entspannte sein Nervenkostüm, nachdem er ausgedehnte Ausflüge in das Reich genetischer „Optimierung“ kreativ unterwandert hatte. Xa’du lebte nach dem Motto „all you need is love“ (nicht nur bei den Beatles beliebt). Um diesen Zustand zu erreichen, ließ die Göttlichkeit wenig aus...was ‚Morgen‘ ständig auf Trab hielt. Als Inspize Pyrophya sich näherte, schwante ihm durchaus, dass die seltsame Initiativ-Bewerbung zur Aufnahme bei den P.U.D.E.L. unerwartete Folgen gehabt haben konnte. Da er selbst noch existierte, konnten diese Konsequenzen zumindest nicht zum Ende der Menschheit geführt haben. „Hallo Pyrophya, schön dich zu sehen“, eröffnete er mit dem ersten Zug. Pyrophya lupfte eine kritische Augenbraue, bevor sie konterte, „hallo ‚Morgen‘. Hast du Zeit? Wir müssen mal über das Ausbildungsprogramm für P.U.D.E.L. sprechen. Es GIBT doch ein solches Programm, oder?“ ‚Morgen‘ grinste. „Da hast du mich erwischt.“ ~*~#~*~ „...und deshalb sind wir nun etwas eingeschränkt“, beendete Mikeel seine Erzählung und blickte in die Runde. Sie zählte viele Köpfe, denn kein Daimonenkind hatte sich das spektakuläre Abenteuer mit finaler Versenkung eines Menschen-Fahrzeugs entgehen lassen. Nicht ganz so angenehm schien die vorerst letzte Episode vor dem Friedensgericht. Man würde sich eben arrangieren. Mikeel hockte ganz selbstverständlich zwischen den Kindern. Er schätzte ein interessiertes Publikum für seine wissenschaftlichen Erkenntnisse! Immerhin, wer konnte schon von sich behaupten, unsichtbare elektrische Ladungsverläufe aufspüren zu können?! „Hast du das geplant, oder bist du bloß tollpatschig?“, Tae rammte ihm einen robusten Ellenbogen in die Seite, während sie streng flüsterte. Rahny kauerte etwas abseits, nagte an einer Rübe und flirrte statische Entladung in die Gegend. „Also wirklich!“, empörte sich Mikeel gedämpft, „WIR waren ganz harmlos und menschlich aufgeputzt auf einem Spaziergang! Wie hätte ich denn ahnen können, dass wir in so eine aufregende Situation geraten können?“ Tae funkelte ihn blitzblau an, was in der Runde ein „oooh!“ hervorrief. Anders als Rahny schien dieser Kronk ganz und gar nicht eingeschüchtert, scheu und bange zu sein. „Regel Nr. 1 sagt dir wohl nichts, hm? Nicht einmischen?!“, half ihm Tae streng auf die Sprünge. Wahrscheinlich war es besser, wenn Rahny erst mal nicht mehr in der Menschenwelt mit all der dort herumlungernden elektrischen Energie in Berührung kam, aber sie konnte es trotzdem schlecht verknusen, wenn der ältere Kronk so unglücklich wirkte. „Ja, nun, aber die Leitung schmorte schon und Rahny spürte, dass sich eine Batteriezelle aufblähte“, zuckte Mikeel betont gleichmütig mit den Schultern. Man sollte eben auch kein einfaches Verlängerungskabel aus einem Kellerfenster quer übers Trottoir unter trockenen Fichten hindurch nutzen, um stundenlang ein Auto mit elektrischem Antrieb aufzuladen! Improvisation war nichts für Ahnungslose! „Ich hab’ schon mal ein Bild über einbetonierte Autos gesehen“, meldete sich ein kleiner Waschbär-Daimon zu Wort, demonstrierte eingebuddelte Motorhauben, „vielleicht ist das gar nicht so ungewöhnlich für Menschen?“ Die waren schließlich alle ein wenig...seltsam. Sogar ihr höchst eigener Vampir, Phileas, konnte das nicht abstreiten. Und der war ja anerkannt sehr NETT und gar nicht gruselig! Tae schnaubte mit imponierendem Nachhall. „Mach’ bloß keinen Ärger mehr“, drohte sie Mikeel energisch, „ich behalt’ dich im Auge!“ Mikeel nickte gleichmütig, während er an seiner Skizze arbeitete, um die neuesten Erkenntnisse zu illustrieren. Ob er wohl über die Collectio dazu Presseberichte mit Fotos bekommen könnte? Brandverhinderung durch Eingraben, das MUSSTE doch eine Meldung wert sein, oder? ~*~#~*~ Teil 15 – Ein Job für Nachtaktive „Das ist eine gewisse Herausforderung“, gestand Mikeel ein, als Inspize Pyrophya ihm das Ende seiner „Ausbildung“ bei den P.U.D.E.L. mitteilte. Besonders gekränkt fühlte er sich jedoch nicht. Immerhin musste er sich nun nicht mehr mit den Umständen befassen, die eine Schakal-Maske mit sich brachte! „Ich werde mich der Richtigstellung der falschen Behauptungen über Kronks widmen!“, verkündete er entschlossen. In der Collectio konnte man ihm bestimmt weiterhelfen, wie man vorzugehen hatte, damit sich die Fakten verbreiteten. Wer weiß, wie viele Kronks sich versteckten aus Sorge, man könne sie für Daimonenkinder-Fressende halten?! Ein Missverständnis dieser Kategorie musste aufgeklärt werden! Inspize Pyrophya seufzte unterdrückt, „schön, doch bitte versuche in der Zwischenzeit, nicht allzu viel Wirbel auszulösen, ja?“ Mikeel nickte eifrig. Rahny kauerte unterdessen in der Nähe, umklammerte unruhig die Faserstreifen, die man ihm gegeben hatte. Sie sollten die Gefahr von Entladungen bei Hand-/Pfoten-/Klauenkontakt reduzieren. „Wir sollten uns schlau machen“, entschied Mikeel, nachdem er Inspize Pyrophya außer Sichtweite wusste, streckte Rahny auffordernd die Rechte hin, um ihn hochzuziehen. Der Kronk beäugte ihn ängstlich. „Da gibt es was Neues“, Mikeel spazierte los, zwinkerte Rahny zu, „die Aeroflott hat eine Nachrichtenbörse installiert.“ Und möglicherweise konnte er sich da inspirieren lassen, was sie als Nächstes tun würden. ~*~#~*~ „Keine Angst, das klappt bestimmt!“, verströmte Mikeel ungefiltert Zuversicht. Rahny schrumpfte merklich hinter ihm, presste die Arme eng an den Leib. Sein Unbehagen löste knisternde Entladungen aus. „Hallo, guten Abend!“, eröffnete Mikeel unterdessen die Unterhaltung an der Garküche, „bist du Malin?“ Der Daimon mit der blauschwarzen, gezeichneten Haut, der tiefschwarzen Mähne und den leuchtend gelben Augäpfeln wirbelte unverändert zwischen großen Kochschalen umher, zwirbelte Teigfladen. Dabei präsentierte er ein beeindruckendes Muskelspiel, das im Schein der Laternen nur von einer knappen Hose und der Schürze verdeckt war. „Ich BIN Malin. Wollt ihr was essen?“, erkundigte Malin sich freundlich, bleckte einladend sein Raubtiergebiss. Bevor Mikeel etwas äußern konnte, überholte ihn ein ohrenbetäubendes Grollen. ~*~#~*~ Rahny wickelte sich panisch die Arme um den Leib, kauerte vor dem gemauerten Herd und kniff die orangefarben leuchtenden Augen zu. Malin stieß ächzend Luft aus, während sich seine Gänsehaut langsam verabschiedete, „was WAR das?“ Mikeel räusperte sich, lächelte gewinnend, „ah, gut, dass wir darauf gleich zu sprechen kommen: ist der Job als Aushilfe noch vakant?“ ~*~#~*~ „Ein Kronk?“, wiederholte Malin ungläubig, während er Rahny eine weitere Schüssel zum Verkosten reichte. Dieses magere Klappergestell mit der gewaltigen Korkenzieherlocken-Mähne war der Ursprung des beängstigenden Geräuschs gewesen?! Und hatte damit keine mörderische Attacke eingeläutet, sondern klägliches Magenknurren aufgrund von Hunger?! Nachdem er allein ein menschliches Fahrzeug eingebuddelt hatte?! Malin staunte, achtete allerdings auch darauf, nicht erneut tröstend die wilde, Möhrchen-farbene Mähne zu tätscheln. Die statischen Entladungen behagten ihm eher weniger. Mikeel, der den Obolus entrichtete, schwatzte unverdrossen zwischen zu leerenden Löffeln. So erfuhr Malin die gesamte Vorgeschichte, bevor Mikeel ihm Rahnys Vorzüge anpries. Der konnte nachts wunderbar sehen, brachte die eigene Beleuchtung (Augen!) mit, hatte zweifellos keine Mühe, dem „Dresscode“ zu entsprechen und würde sich für seine Assistenz in Naturalien entlohnen lassen! Wenn das nicht eine gute Offerte war?! Malin überlegte, während er Teigfladen rollte. Thi-Anh half ihm zwar bei den Vorbereitungen, jedoch nur vorübergehend. Er zweifelte nicht daran, dass sein Freund sich bald wieder eine Aufgabe suchen würde, die seinen Talenten entsprach. Und die bestanden weniger in der angeborenen Fähigkeit als Phantom, sondern eher in seinem Interesse an Mitgeschöpfen, Geduld und Vermittlungsfähigkeiten. „Wie wäre es, wenn wir eine Woche Probezeit vereinbaren?“, bot Malin schließlich an. Immerhin wirkte Rahny recht scheu und hatte bisher auch noch nicht in diesem Metier reüssiert. „Klingt gut, oder nicht?“, wandte sich Mikeel Rahny zu, zwinkerte munter. „V-v-v-ielen Dank!“, stammelte Rahny eilig, rollte nervös die Schultern ein. Malin lächelte unwillkürlich, weil der GROSSE, BÖSE Kronk aus den Geschichten vor IHM Angst hatte und eher hilfsbedürftig wirkte. „Wir werden uns bestimmt gut verstehen!“, verkündete er amüsiert. ~*~#~*~ Es waren eine recht kurze Nacht und eine knappe Standpauke am Vormittag gewesen, bevor Tae sich zum Daimonenkindergarten aufmachte. Grundsätzlich begrüßte sie die Chance, sich „das Futter zu verdienen“, auch konnte sie SEHR gut nachts allein zurechtkommen, ABER das würde nur funktionieren, wenn Rahny sich nicht herumschubsen ließ! Rahny kauerte neben ihr in der Kuhle und hörte brav zu, nickte so häufig, dass sein Nacken vernehmlich knackte und versprach beim Großen M, sich nicht einschüchtern zu lassen. Zumindest hatte er die Absicht, seinen Kronk zu stehen! Wobei er insgeheim hoffte, gar nicht in solche unerfreulichen Situationen zu geraten. Während er sich nun nach einer Siesta am Nachmittag ihrem spärlichen „Gemüsebeet“ im Wäldchen widmete, wusste er Mikeel auf der „Mission“. In der Collectio. Rahny hegte nur eine grobe Vorstellung von dieser riesigen, öffentlich zugänglichen Sammlung an Werken, Wissen und Unterhaltung. Für ihn (und die anderen Kronks) war „Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon“ die einzige Lektüre gewesen. Dass sie partiell unzutreffend und en gros mittlerweile überholt war, hatte ihn erleichtert. Hin und wieder waren ihm nämlich Zweifel gekommen… allerdings neigte Rahny nicht dazu, unaufgefordert seine Auffassung anderen aufzudrängen. Dazu hatte er zu oft die eigenen Unzulänglichkeiten und Unfertigkeiten vor sich eingestehen müssen. So wie jetzt, wo er kleinmütig die magere Ausbeute seiner Anstrengungen zum Anbau von verzehrbarem Wurzelgemüse studierte. Seine Hände prickelten statische Entladungen, als er sie betrachtete. Lag es daran? Wie hätte man ahnen können, dass der Eintritt in die Pubertät ihn so folgenreich disqualifizierte? Rahny seufzte und entschied, sich auf seine erste richtige Arbeitsschicht zu freuen. Er würde sich anstrengen und müsste nicht mehr hungern, damit genug für Tae blieb! Und bisher hatte ihn niemand angefeindet! Nun, in dieser Welt, aber mit Menschen musste er sich ja nicht abgeben, richtig? „Ich schaff’ das“, ermahnte er sich selbst zu Mut. ~*~#~*~ Mikeel grinste breit, als er rasch die Pressenotiz vom Omniskop abzeichnete. »Ha-Ha!«, dachte er amüsiert, denn es GAB ein Foto zu einer kurzen Meldung über das erstaunliche Wunder des Erdlochs, das den Batteriebrand gelöscht hatte. Wie auch immer sich da unerwartet Untiefen auftaten. »Noch ein Rätsel«, schmunzelte er, doch auch dieses würden die Menschen bestimmt nicht lösen können! Von Aliens war dieses Mal nicht die Rede. Entschlossen sortierte er seine Sammlung an vorläufigen „Kronk-Erkenntnissen“ und steuerte eine Collecte an, die ihn mitteilungsfreudig anstrahlte. „Einen wunderschönen Nachmittag!“, startete Mikeel aufgeschlossen die Konversation, „ich benötige Hilfe: wie kann ich die Wahrheit über Kronks schnellstmöglich verbreiten?“ ~*~#~*~ „Du wirst jetzt bei Malin werkeln?“, das Phantom Thi-Anh lächelte Rahny an, der schüchtern nickte und hastig die Hände unter die Achseln packte. „I-i-ich bin st-st-statisch geladen“, entschuldigte sich der Kronk, warf einen nervösen Blick auf Malin. „Das macht mir nichts aus“, auffordernd streckte Thi-Anh seine Hand aus. Bange musterte Rahny sie, bevor er sehr zögerlich seine Rechte anbot. Zwischen seinen Krallen und Thi-Anhs Fingerspitzen zeigten sich Entladungsbögen. Thi-Anh schmunzelte, „siehst du? Mir passiert nichts. Liegt an MEINEM Trick.“ Mit einem schelmischen Grinsen diffundierte er seine Phantomgestalt. ~*~#~*~ „Ihr habt ein vergleichbares Klamotten-Problem“, feixte Malin, während er seine unterschiedlichen, Wok-ähnlichen Kochschalen vorbereitete. Thi-Anh lachte, während er rasch wieder in Hemd und Hose schlüpfte. Rahny errötete dezent und zupfte an dem Gurt, der aus seinem „Sack mit Armlöchern“ eine Art Kurzoverall zurrte. „Es findet sich immer ein Busch“, philosophierte Thi-Anh entspannt, während er gleichzeitig erwartungsfroh in den abendlichen Trubel spähte. Die doppelten Sonnen gingen gerade unter und tauchten die unterschiedlichen Gebäude, Gassen und wuseligen Geschöpfe in rot-goldene Farben. In den Laternen sammelten sich die ersten Daimonen-Leuchtkäfer. Dieses Viertel wurde erst so richtig munter, wenn die nachtaktiven Lebewesen ihrer Berufung folgten. Rahny strich seine Schürze glatt und rührte die Ansätze. Er trat immer hastig zurück, wenn Malin kostete, um seinem Arbeitgeber nicht versehentlich einen elektrischen Schlag zu verpassen. „Wunderbar! Hier“, lernfähig (nach einigen Entladungen) legte Malin eine kleine Tafel neben Rahny ab, „kannst du bitte unser Angebot auf die Steinplatte schreiben?“ Langsam nickte Rahny, nahm bunte Kreidestücke und kauerte sich vor die große Steinplatte. Ihm wurde die Kehle eng und seine Schultern zogen sich schützend hoch, als gäbe es einen Panzer, in den er sich verkriechen konnte. ~*~#~*~ Thi-Anh touchierte Malins Ellenbogen, warf ihm einen auffordernden Blick zu, bevor er sich zu Rahny begab, neben diesen hockte. Der hatte zum wiederholten Mal über die Platte gewischt. Malins Augenbrauen wanderten höher, als er seinen Teig für die Fladen stehenließ. „...das ist nicht schlimm“, hörte er Thi-Anh bemerken, bevor der, von den hektischen, deutlich hörbar zischenden Entladungen unbeeindruckt, Rahny umarmte. Der Kronk schluchzte unterdrückt. Malin beäugte die Steinplatte. Einige Schriftzeichen waren...spiegelverkehrt. Obwohl Rahny sie lediglich von der kleineren Notiztafel übertragen sollte, entsprachen sie nicht dem gewohnten Schriftbild. Er musste das erkannt haben, und doch...verdrehten sie sich wieder. „Das kommt vor, Rahny“, tröstete Thi-Anh den Kronk, „aber weißt du, unser Hirn übersetzt sich die Worte schon richtig. Ist nicht schlimm, wirklich.“ „Stimmt“, pflichtete Malin entschieden bei, „obwohl ich gern noch unseren Zwiebel-Zauber auf der Liste sehen würde.“ Rahny schniefte, nickte hastig, angelte nach der Kreide. „E-e-entschuldigung!“, murmelte er, die verhangenen, orangefarbenen Augen auf die Steintafel gerichtet. Malin wickelte sich sein Kochhandtuch um die Rechte, bevor er Rahnys knochige Schulter drückte, „ernsthaft, Rahny, es ist in Ordnung. Gräm’ dich nicht.“ Bevor er nach weiteren aufmunternden Appellen suchen konnte, bauten sich die ersten Hungrigen auf. Also musste er flott den nächtlichen Tanz um seine Töpfe beginnen. ~*~#~*~ Tae genoss den privilegierten Sitz auf Phileas’ Schultern, der sich langsam durch die Menge schob, hier grüßte, dort plauderte und scherzte. Der „eine Art von Vampir“ war Kindergarten-Kumpel und damit als Begleitung sehr akzeptabel. Außerdem konnte Tae von ihm die lokale Menschensprache lernen, was sie für nützlich hielt. Überhaupt gab es eine Menge zu lernen außerhalb der Selbstisolation im Wäldchen! Und das wollte sie, unbedingt, denn Tae schätzte sich als einen Kronk ein, der selbst bestimmte, wo’s lang ging und wie! „Ah, da ist Thi-Anh“, automatisch wärmte sich Phileas’ Stimme um weitere Grade, als er das Phantom bei der Eintopf-Garküche erblickte. Seine daimonische Brille wirkte wahre Wunder, Sonnenuntergänge und Laternen blendeten nicht zu sehr, sodass er kontraststark und scharf seine Umgebung erkannte. „Rahny trägt eine Schürze“, bemerkte Tae amüsiert. Das sah schon sehr offiziell aus! Dann rutschte sie jedoch eilig von Phileas’ Schultern, packte dessen Hand entschlossen und lotste ihn beschleunigt durch die Menge. „Rahny“, blieb sie vor dem größeren Kronk stehen, nachdem sie Malin und Thi-Anh zugenickt hatte. Sie erkannte genau, dass Rahny unglücklich war. Beschämt legte Rahny kurz die Schöpfkelle beiseite und wies auf die Steinplatte. „I-i-ich hab’s nicht g-g-geschafft“, wisperte er mit beschlagener Stimme. Tae hatte Lesen und Schreiben von Rahny und dem verwünschten Konversationslexikon gelernt. Ihr war durchaus bewusst, dass Rahny Schriftzeichen verdrehte, ohne daran etwas ändern zu können. Ganz gleich, wie sehr er sich konzentrierte und bemühte. „Hat sich jemand beschwert?!“, erkundigte sie sich herausfordernd, drückte Rahnys Hände. „N-n-nein“, gestand der Kronk ein, kauerte sich gewohnt vor ihr hin. „Nun, dann ist es wohl kein Problem, sondern eher eine persönliche Note“, verkündete sie vernehmlich, ließ ihre blauen Augen aufleuchten. ~*~#~*~ Malin lud Tae auf eine Kostprobe des Zwiebel-Zaubers ein, während Thi-Anh und Phileas sich über ihren jeweiligen Tag austauschten. Er war mit Rahny durchaus zufrieden, der vor den geothermischen Kochtöpfen keine Angst hatte, sich verblüffend geschmeidig bewegen konnte und immer wieder Nachschub säbelte. Selbst das Teigfladen-Abrollen hatte der Kronk schon raus! Wenn man ihn nicht einschüchterte und er keine Angst hatte, elektrische Schläge zu verteilen, wirkte Rahny auf ihn, als gefalle ihm das Ballett um die Töpfe durchaus. Unterdessen spülte Thi-Anh einige Schüsseln aus, obwohl er eigentlich nicht mehr auszuhelfen brauchte. Auf Malins fragenden Blick hin, der gerade eine neue Topffüllung aufsetzte, zwinkerte er und deutete mit dem Kinn Richtung der Agora, eines größeren Platzes, auf den verschiedene Gassen sternförmig zuliefen. „Ich rechne mit einem spontanen Konzert“, erläuterte er gutmütig. Tae besuchte unterdessen die umliegenden Geschäfte und Stände, inspizierte das Angebot. Phileas rieb sich die Hände, zupfte und schlug die Saiten seines recht eigenwilligen Basses. In der Menschenwelt hatte er einen elektrischen Bass mit Plektrum gespielt. Der musste „draußen“ bleiben, mangels fließendem Strom ohnehin keine Alternative. Aus dem Fundus war ihm ein Kasten mit Steg überlassen worden, für den die Daimonenkinder mit ihm passendes Material für Saiten gesucht hatten. Zu seiner Verblüffung ließ sich der „Resonanzkasten“ recht gut spielen. So pflegte er in seiner Freizeit das „Jammen“ mit anderen Musizierenden. Natürlich waren „menschliche“ Lieder und Stücke hier nicht so verbreitet und ER selbst wies erhebliche Lücken bei daimonischen Gassenhauern auf, doch man traf sich immer zu einem harmonischen, unterhaltsamen Ganzen. Außerdem machte es SPASS! Gedankenverloren zupfte er zum Aufwärmen einen Klassiker aus „seiner“ ehemaligen Welt, summte vor sich hin. So überraschte es ihn, dass Rahny plötzlich vor ihm kauerte, ihn und den Kasten-Bass wie eine Offenbarung anstaunte. „Ah, Rahny, magst du Musik?“, erkundigte er sich freundlich, ohne Angst, dass etwaige statische Entladungen, die Rahny umflirrten, seinem Untot-Sein Schaden zufügten. „Es...kommt da raus? Ohne...Strom?“, formte Rahny die Worte, berührte mit einer Krallenspitze den vibrierenden Kasten. Phileas lächelte, „ja, für Musik ist Strom nicht notwendig. Hast du Musik in der Menschenwelt gehört?“ Rahny nickte sehr langsam, die orangefarben leuchtenden Augen immer noch auf die tanzenden Saiten und den Resonanzkörper gerichtet. „I-i-ich kenne es...das L-l-lied. Aber ich v-v-verstehe die Worte nicht“, erläuterte er Phileas mit einer überraschenden Ehrfurcht. „Ich kann es dir erklären und vorsingen“, bot Phileas an. ~*~#~*~ „Hab’ ich was verpasst?“, Mikeel steuerte Malins Garküche an, verwundert, dass dort kein Kronk mit Schürze im Duett mit Malin herumwirbelte. „Phileas trifft sich gerade mit anderen für ein bisschen Musik“, erläuterte Thi-Anh, der Malin assistierte, „offenbar hat Rahny vorher noch keinen Bass gesehen.“ Er lächelte amüsiert darüber, wie Phileas und Rahny beide neben dem Bass kauerten, die Köpfe zusammensteckten. Schließlich erhoben sie sich, Phileas nickte aufmunternd. Rahny ballte die Fäuste kurz, schloss die Augen. Im gemütlichen Trubel, umschwirrt von Gesprächen und Gelächter, begann Rahny zu singen. [Nothing else matters, James Hetfield, Lars Ulrich] ~*~#~*~ Mikeel spürte, wie ihm die Kinnlade heruntersackte. Rahnys Stimme war so gewaltig, so präsent, so voluminös, dass sie den gesamten Platz, nein, sogar das gesamte Viertel erfüllte. Die statischen Entladungen, die ihn sonst wild flackernd umzuckten, bildeten einen harmonischen Kranz, ganz wie eine leuchtende Aureole. Mikeel erinnerte sich, dass sie bei ihrem Spaziergang an einer Bar vorbeigekommen waren, wo man gerade lüftete und putzte. Musik war nach draußen gedrungen, natürlich als elektronischer Strom in der Luft. Sie hatten an einer Ampel warten müssen, deshalb konnte Rahny vermutlich den Refrain vollständig wiederholen. Doch welche Frequenzen seine Stimme erfasste! Es kribbelte ihm durch Mark und Bein, von den Zehen bis zu den angesengten Lockenspitzen! Phileas’ Bass erdete den Gesang, der so volltönend war wie ein ganzes Orchester. Und es KLANG wie Rahnys Empfindungen, schwankend zwischen Vertrauen und Sorge, erfüllt mit Courage und Sehnsucht. Endlich öffnete Rahny auch die Augen, ein orangefarbenes Glühen erstrahlte so hell wie beide Sonnenaufgänge zugleich, während ihn elektrische Energie wie Herzschläge umpulste. Rahny sang mit aller Resonanz, die Kronks aufbringen konnten, ohne Stottern, ohne Zweifel, voller Hingabe. Einfach atemberaubend und welterschütternd. ~*~#~*~ Teil 16 – Verschiedene Welten Mikeel staunte Rahny an. „...er singt.“ Das war keine sonderlich gehaltvolle Erkenntnis oder Botschaft, zugegeben. Ungläubig wandte er sich um, fand Tae neben sich. „Rahny singt!“, wiederholte er mit einem dezent hysterischen Unterton der Begeisterung. „Ja“, merkte Tae an, lupfte eine Augenbraue über ihren dunkelblau glühenden Augen. Die Botschaft war unmissverständlich: »kommt noch ein intelligenter Beitrag von dir, oder verschwendest du bloß Sauerstoff?« „Wusstest du, dass er so unglaublich singen kann?!“, hakte Mikeel außer Atem nach. „Nein“, antwortete Tae unaufgeregt. Musik war ihr neu (Geräusche natürlich nicht, denn Kronks vermieden diese tunlichst, ausgenommen, sie WOLLTEN, dass man sie bemerkte). Andererseits, warum sollte Rahny nicht singen können? Andere konnten es auch. Sie registrierte Mikeels fassungsloses (und wenig kleidsames) Glotzen. „Gibt es ein Problem?“, erkundigte sie sich äußerst spitz (nicht nur für einen fünfjährigen Kronk). Mikeel schüttelte fahrig den Kopf. Inzwischen wurde Rahny eingekreist, rückte ängstlich an Phileas heran, der lachte, den euphorischen Beifall auf Rahny lenkte und vorschlug, gemeinsam zu musizieren. Wenn Rahny wollte. Dem Kronk, der sich schon wieder einrollen, beinahe schrumpfen wollte, fiel ein, dass er EIGENTLICH zu arbeiten hatte! Entsetzt rotierte er zu Malin, der lächelte, ihn zu sich winkte. „Das war sehr ergreifend. Kannst du singen UND mir zur Hand gehen?“, neckte er Rahny. „I-i-ich kenne k-k-keine Lieder!“, platzte der Kronk hektisch heraus, „E-e-entschuldigung! S-s-sofort arbeite ich weiter!“ Übrige Musikbegeisterte und Musizierende strömten zur Garküche, hielten zwar ein wenig Abstand, da Rahny ängstlich Entladungen verschoss, waren jedoch nicht abgeschreckt. Sie wollten ihn singen hören, ihm Lieder beibringen, mit ihm Spaß haben, ihm gern etwas beibringen. Plötzlich im Mittelpunkt zu stehen verschreckte Rahny völlig. „Leute, Leute, mal langsam!“, Malin mischte sich ein, „lasst Rahny mal verschnaufen. Außerdem muss er sich erst einhören. Warum legt ihr nicht einfach los und gebt ihm die Chance einzustimmen, wenn er soweit ist?“ Darauf konnte man sich selbstredend verständigen! „D-d-danke schön“, wisperte Rahny verlegen, flackerte statische Blitzlichter. Malin zwinkerte, „gern geschehen. Du singst umwerfend.“ Rahny errötete und beeilte sich, die Töpfe zu orchestrieren. Inzwischen war es Mikeel gelungen, sich gegen die Menge durchzukraulen. „Das ist unglaublich! Morgen müssen wir in die Collectio gehen, damit du noch mehr Musik kennenlernen kannst!“, sprudelte er euphorisch heraus, „du kannst die perfekte Werbung für die Wahrheit über Kronks machen!“ Tae packte Mikeel energisch am Hemd, „brems’ dich, Freund. Ich erlaube nicht, dass du Rahny herumscheuchst. Nach der Arbeit geht es schlafen in der Kuhle, verstanden?!“ Dabei funkelte sie so dunkelblau und leuchtstark, dass selbst Mikeel beeindruckt auf Abstand ging. Malin grinste, reichte dem sehr verlegenen Rahny die Teigschüssel. „Wahre Worte, auch Erholung muss sein“, pflichtete er Tae bei, deren strenge Aufsicht selbst besorgte Elternpaare in den Schatten stellte. ~*~#~*~ Mikeel wartete bis zum Mittag, bevor er Rahny aufweckte. Er selbst fühlte sich zu aufgekratzt und tatendurstig, um sich der Müdigkeit geschlagen zu geben. Rahny entrollte sich gehorsam, absolvierte eine Kronk-Wäsche und ließ sich an der Hand, die andere ständig mit Gemüse, Obst und Keksen bestückt, von Mikeel Richtung Collectio führen. „Das wird wundervoll“, behauptete Mikeel entschieden, und ER hatte schließlich alle Werke von Dame Agatha Christie und von Sir Arthur Conan Doyle gelesen! Sein detektivisches Gespür schlug an wie eine Alarmklingel auf der Menschenseite! Kaum erreichten sie das gewohnte Gewimmel an Wissbegierigen, Wissensdurstigen und Wissensvermittelnden, sprach sie schon die Collecte an, die er am Vortag konsultiert hatte. Wegen der Verbreitung der FAKTEN über Kronks. „Ooooh, bist du ein Kronk?!“, strahlte sie Rahny an, der verlegen hinter seiner ungebändigten Korkenzieherlocken-Mähne zu verschwinden versuchte. „Nicht nur das, Rahny kann umwerfend singen! Deshalb müssen wir heute alles über Musik herausfinden!“, dröhnte Mikeel in ungebremsten Sendungsbewusstsein. Zumindest, bis Tae ihnen auf die Schliche kam oder der Sonnenuntergang anstand! ~*~#~*~ Rahny seufzte lautlos. Sein Kopf vibrierte vor Musik, deren Resonanz er im ganzen Körper spüren konnte. In seinen Gedanken tanzten Noten mit Texten, er hatte eine ganze Fülle an Instrumenten kennengelernt, mit denen man harmonische Geräusche erzeugte. „Notenschrift“, murmelte er kläglich. „Richtig, damit wird Musik festgehalten“, Mikeel hockte sich neben ihn und tippte auf wertvolle Pergamentseiten. „Ah“, kommentierte Rahny kläglich. Hatte Mikeel gestern bemerkt, dass ER die Steintafel mit dem Eintopfangebot beschriftet hatte? Und dass er offenbar unfähig war, alle Schriftzeichen richtig zu setzen? Prompt leckte statische Energie unkontrolliert und knisterte auf Mikeels Haut, der allzu nahe neben ihm hockte. „Mmmmhmmm, gefällt mir!“, schnurrte Mikeel, zwinkerte. „Ich...k-k-kann nicht richtig schreiben“, erinnerte Rahny mutlos. „Dann werden wir uns eben etwas ausdenken“, versicherte Mikeel prompt, „zum Beispiel können wir Stempel anfertigen! Das geht zwar nicht so schnell wie das Aufschreiben, aber mit Übung flott genug. Ah, ich zeig’ dir mal was!“ Damit zog er Rahny an einer Hand hoch, um im gedrechselten Haus der Collectio zur Bildwiedergabe technischer Apparaturen der Menschen zu wechseln. Stempel→Typen→Druckpresse→Schreibmaschine! ~*~#~*~ Taes dunkelblaue Augen hüllten Malins Garküche in ein beeindruckendes Licht. Der kleine Kronk war verärgert. Phileas schmunzelte, Thi-Anh wappnete sich für diplomatische Intervention und Malin selbst grinste, während er seine Vorbereitungen abschloss. Die beiden Sonnen gingen gerade unter, die ersten Laternen füllten sich mit daimonischen Leuchtkäfern. „Ich werde dich beuteln!“, kündigte Tae an, als Mikeel Rahny hinter sich herzog. Dessen orangefarbenes Leuchten wirkte verschwommen und ohne Mikeels sichernde Hand wäre er ein ums andere Mal ins Stolpern gekommen. „Nicht vor Schichtende“, konterte Mikeel seelenruhig, blickte sich um, bis er einen mit Stoffplanen verhängten Anbau an einem Stand entdeckte. Er wechselte rasch einige Worte mit der Inhabenden, einer Kauz-Daimonin, die begeistert nickte, die Plane zurückschlug. Mikeel bugsierte Rahny darunter, der sich einrollte. Und zweifellos sofort schlief. Tatendurstig kehrte er zu Malins Töpfen zurück. „Zu viel Musik auf einmal. Ich werde einspringen“, erläuterte er munter, nickte Tae zu, „danach kannst du mich beuteln.“ ~*~#~*~ Malin testierte, dass Mikeel sich gar nicht schlecht machte. Offenbar musste er außerdem einen ganzen Krug von der gewürzten Melasse intus haben, die das Schlafbedürfnis verschob. „Kann er wirklich auf so engem Raum schlafen?“, erkundigte Malin sich, warf immer mal wieder Blicke zum Verschlag. „Du müsstest mal die Kuhle sehen“, Mikeel zuckte mit den Schultern, während er geschmeidig auswich, um mit der Schöpfkelle die nächsten Schüsseln zu füllen, „sie haben sich wohl immer versteckt und getarnt.“ „Verstehe“, nickte Malin mitfühlend, „und was hast du nun vor?“ Dass Mikeel nicht mehr bei den P.U.D.E.L. eintreten würde, hatte sich inzwischen herumgesprochen. „Du meinst, wenn ich über die Aeroflott und die Ausrufenden überall die Nachricht verbreitet habe, wie Kronks wirklich sind?“, Mikeel lächelte, wirkte jedoch ungewohnt zurückgenommen. „Das weiß ich tatsächlich noch nicht.“ ~*~#~*~ Rahny erwachte, als im Morgengrauen die meisten Stände abgebaut wurden. Hastig kroch er unter der Plane hervor, wirrte sich die Möhrchen-Farbe-Korkenzieherlocken aus dem Gesicht. „Guten Morgen“, Mikeel lächelte, reichte ihm in Erwartung des ohrenbetäubenden Magenknurrens eine Schüssel. Malin lachte und räumte gleichzeitig sein Geschirr auf, „ein gesunder Appetit!“ Verlegen mümmelte Rahny und warf fragende Blicke auf Mikeel. „Du hättest nicht für mich einspringen müssen“, seufzte er schließlich, als sein Magen nicht mehr grummelnd nach Nachschub verlangte. „Ich trage die Verantwortung“, zwinkerte Mikeel, wirkte nun zum ersten Mal erschöpft, „schließlich habe ich dich einer Überdosis Musik ausgesetzt.“ Unwillkürlich lächelte Rahny beseelt. MUSIK! „Wenn du möchtest, kannst du deine Erforschung heute fortsetzen“, bot Mikeel an, „ich lasse mich beuteln und krieche danach auf meine Hängematte.“ Hastig schüttelte Rahny seine Mähne, während die harmonisch pulsierenden elektrischen Ströme sich in hektisches Flackern zerfaserten. „Ich werde Tae sagen, dass es MEINE Schuld ist!“, er schob die Hände wie gewohnt unter die Achseln rollte sich ein. Mikeel zwinkerte, „das ist sehr tapfer von dir.“ Obwohl er nicht annahm, dass Tae ihre Drohung wahrmachen würde. ~*~#~*~ Inspize Pyrophya ließ sich neben Tae im Schatten der Rotunde des Daimonenkindergartens nieder. Sie hatte nicht die Absicht, durch das Wäldchen zu marschieren, um Rahny oder Mikeel aufzustöbern. Das, wie Tae andeutete, wäre auch vergebene Liebesmüh gewesen, da der andere Kronk offenbar in der Collectio seinen Kopf mit allem zum Thema Musik füllte, während Mikeel sich irgendwo mit seiner Hängematte verkrochen hatte. „Stecken sie schon wieder in Schwierigkeiten?“, Tae runzelte unter den blauen Korkenzieherlocken die Stirn. „Nicht, seitdem ich das Friedensgericht verlassen habe“, antwortete Pyrophya lakonisch. „Rahny arbeitet für sein Essen. Und er singt“, betonte Tae. Es klang, als wolle sie seine Gegenwart bei den anderen Daimonen, Ex-Göttlichkeiten und Naturwesen rechtfertigen. „Ich hatte die Absicht, mit Mikeel zu sprechen“, erklärte sich Pyrophya, „immerhin ist er nicht mehr bei den P.U.D.E.L. in Ausbildung.“ Was sie durchaus zu verantworten hatte. Außerdem war sie überzeugt, dass Mikeel sich nicht von Rahny abwenden würde, auch wenn der nun ein allseits bekannter und geschätzter Kronk war. „Ich verstehe nichts von diesen...Kriminalgeschichten“, stellte Tae klar. Sie hatte sich zwar die Kurzfassung einer Handlung als Beispiel schildern lassen, sah darin jedoch nur einen Nährwert, wenn man sich stets mit Menschen und der Menschenwelt befassen wollte oder musste. Für sich hegte sie andere Prioritäten, immerhin wollte sie wie die anderen Daimonenkinder als nächstes die Schule besuchen! Da wäre noch ausreichend Zeit, sich mit menschlicher Wirrköpfigkeit zu beschäftigen. Inspize Pyrophya, deren Aufgabe darin bestand, sich in der Menschenwelt zu bewegen, schmunzelte, „ist ein beliebtes Sujet.“ „Ist es für eine Beschäftigung, die Essen einbringt, nützlich?“, Tae konzentrierte sich auf den Kern IHRER Intentionen. „Darüber wollte ich mich mit Mikeel unterhalten“, bestätigte Pyrophya. Ihr schwebte eine vage Idee vor, doch dazu musste sie Mikeels Meinung einholen. ~*~#~*~ „Ich kann selbst arbeiten“, murmelte Rahny, rieb sich dabei die Augen. Mikeel zog ihn in eine kleine Nische, genoss die kleinen Funken, die auf ihn einprasselten. „Du hast den ganzen Tag gelernt und deinen Kopf mit Musik gefüllt“, konterte er sanft, „lass’ mich heute noch mal einspringen.“ „Aber…“, setzte Rahny an, doch Mikeel erstickte seinen Protest mit einem zunächst zärtlichen, sich rasch ausdehnenden und intensiven Kuss. Vage, hinter seinen geschlossenen Augenlidern, glaubte er einen pulsierenden Halo wahrzunehmen, der Rahny umgab. „Bitte“, wisperte er, „das ist zumindest meine Gelegenheit, mit dir zusammen zu sein. Ich bin leider nicht besonders musikalisch.“ Im Gegensatz zu all den Geschöpfen auf der Agora, die schon darauf warteten, noch mal Rahnys Gesangkunst zu erleben. Rahny hüllte ihn in orangefarbenes Leuchten ein. Der Kronk legte scheu, jedoch entschieden die dünnen Arme um Mikeels Hüften, widerstand der Versuchung, den halben Kopf Größenunterschied zu reduzieren, zu schrumpfen. Er summte leise, weil es ihm half, sich ohne stottern mitzuteilen, selbst wenn sich seine Gedanken und Gefühle überschlugen. „Ich kann dich berühren“, sang er leise, „du fürchtest mich nicht.“ Mikeels Miene munterte sich auf, als ihm dieses besondere Merkmal bewusst wurde. Richtig, IHM gefiel das Prickeln und Knistern von Rahnys statischer Elektrizität! „Ich mag dich“, Rahnys Stimme intonierte intim leise ein Schlaflied, „geh’ nicht fort von mir.“ Zum ersten Mal fand Mikeels flinke Zunge keine Worte, röteten sich SEINE Wangen erkennbar. ~*~#~*~ Teil 17 – Wider den Unsinn! »Gut, dass seine Stimme so voluminös ist und weit trägt«, dachte Inspize Pyrophya, während sie sich bemühte, mit großer Geduld durch die Menge zu kraulen. Wenn Rahny sang, spürte man das durch den gesamten Körper, und sehr viele wollten sich dieses Gefühl keineswegs entgehen lassen. Endlich hatte sie Malins Garküche erreicht, wo Mikeel ebenfalls an den Kochstellen wirbelte. Er grinste, als er sie erblickte, „guten Abend, Inspize Pyrophya.“ Sie nickte bloß, drehte sich, um Rahny zu erspähen, der auf einem kleinen Podest stand. Ein gewaltiges geflochtenes Band hielt die Korkenzieherlocken-Mähne in Möhrchen-Farbe aus seinem Gesicht. Im Rhythmus seines Gesangs pulsierte um ihn harmonisch ein gewaltiger Halo, bündelte und kanalisierte sich die statische Energie. Es war ein äußerst beeindruckendes Spektakel. Bis ein grollendes Knurren in einer kurzen „Wunschtitel-Order“-Pause in der Agora ein Echo warf. Prompt färbten sich Rahnys Wangen röter. „Genug für heute“, trompetete Mikeel erstaunlich weittragend, bahnte sich seinen Weg und zog Rahny hinter sich her, „du musst was essen.“ Mittlerweile hatte sich diese Eigenart ebenfalls herumgesprochen, niemand floh verschreckt oder wich panisch zurück. Gut gelaunt applaudierte man, sprach Lob und Dank aus, während Malin schon amüsiert eine Schüssel füllte. Rahny nahm artig auf einem Hockerchen Platz und mümmelte eifrig, dabei immer wieder orangefarben blinzelnd. „Verblüffend, oder?“, wandte sich Mikeel wieder Pyrophya zu, „Rahny kann sich Liedtexte und Melodien in einem Durchlauf merken!“ Der pausierte kurz das Kauen, lächelte verlegen-entschuldigend. Während andere Musizierende wieder für akustische Unterhaltung sorgten, mussten Malin und Mikeel rotieren, um Schüsseln zu füllen, leere Schalen auszuspülen, Nachschub zu schneiden und neuen Fond anzusetzen. Nachtaktive wussten hier die angenehmen Seiten des Lebens sehr zu schätzen. Unterdessen blinzelte Rahny, döste mit der leeren Schüssel immer wieder ein. Mikeel schmunzelte, kassierte die Schüssel ein und zog Rahny auf die dünnen Beine. Er löste das von ihm selbst angefertigte Freundschaftsband um Rahnys Korkenzieherlocken-Mähne, fasste den Kronk um die schmale Hüfte und dirigierte ihn zu einer kleinen Nische. Rahny klappte automatisch zu einem kompakten Paket zusammen, wurde sanft mit einer leichten Decke eingehüllt...und schlief im Schutz seiner imposanten Mähne ein. „Suppen-Koma“, erläuterte Mikeel amüsiert, wickelte sich das Freundschaftsband mehrfach um das eigene Handgelenk. Pyrophya verschob ihre Mission kurzentschlossen, erhob sich. „Bitte bleib’ im Morgengrauen mit Rahny hier, ja? Ich habe etwas mit euch zu besprechen.“ ~*~#~*~ Malin spülte im Morgengrauen die letzten Schüsseln aus, während Mikeel die Steinplatte abwischte, die das Menü anzeigte. „Oha, da kommt die Nemesis“, murmelte er durch sein Raubtiergebiss, grinste Pyrophya aber gewinnend an. Ihm schwante, dass er sich wohl mal wieder von just gewonnenen Mithelfenden trennen musste. Was seiner Libido gar nicht gefiel, da er sich einfach nicht nach Herzenspersonen umschauen konnte! „Guten Morgen“, Inspize Pyrophya stellte ihren feuermelderroten Rucksack ab, nickte Mikeel und Malin zu. Sie holte eine kleine Flasche hervor, gestikulierte zu den geothermischen Öfen. „Wenn du etwas heißes Wasser und Becher zur Verfügung stellst, können wir über Symphoniya-Sirup etwas besprechen.“ „Huuuiii, das klingt deliziös!“, schnurrte Malin und schnürte los, um am Ziehbrunnen Wasser zu holen. Unterdessen kniete sich Mikeel vor die Nische, wisperte leise, ließ sich in eine schläfrige Umarmung ziehen. Er lachte unterdrückt, weil Rahny mit einem leichten Singsang etwas von „Honig-Brötchen“ murmelte. Die mussten ihm wohl noch im Traum begegnet sein! „Guten Morgen, Rahny“, machte sich Inspize Pyrophya bemerkbar. Das verscheuchte die letzten Traumsequenzen. „Oh! G-g-guten Morgen“, stotterte Rahny erschrocken, warf einen glühenden Blick auf Mikeel, der ihm die Hände entgegenstreckte. Es knisterte und knackte, als die statische Ladung übersprang. Mikeel lachte vergnügt, während er Rahny hochzog, ihn kurz umarmte und einen Kuss auf dessen Nasenspitze zwischen all den wirren Korkenzieherlocken in Möhrchen-Farbe setzte. „Es gibt Frühstück und Symphoniya-Sirup dank Inspize Pyrophya“, verkündete er, „das wirst du mögen!“ Automatisch nickte Rahny vertrauensvoll. Hand in Hand überwanden sie die kurze Distanz zu einer niedrigen Mauer, wo Pyropya bereits geübt heißes Wasser in den Bechern mit wenigen Tropfen des Symphoniya-Sirups mischte. Malin verteilte die übrigen Teigfladen, blickte abwartend zu Pyrophya, ob er sich entfernen sollte. „Ich möchte gern mit euch etwas besprechen, das mir ein lohnenswertes Unterfangen erscheint.“ ~*~#~*~ Pyrophya war gründlich, deshalb hatte sie verschiedene Quellen angefragt und um Einschätzung gebeten. Sonst wäre zweifellos auch das Friedensgericht nicht bereit, ihrem Vorschlag zu folgen. Kronks… waren längst dies- und jenseits der Portale und Dimensionsgrenzen unterwegs. Es gab keinerlei Berichte über nachteilige Vorkommnisse, von Kannibalismus ganz zu schweigen. Aber sie hielten sich häufig verborgen oder getarnt. Was nicht sein musste. Wie viele versteckten sich, isolierten sich? Wegen eines unaufgeklärten Missverständnisses. Einer unbegründeten Furcht. Aufgrund gedankenloser Sprüche. Der Instrukteur hielt es zynisch für eine „menschliche“ Vorgehensweise, verdrehte dabei die Augen und plädierte für Aufklärung. Der Szenarize lutschte ein Pfefferminzbonbon und testierte, dass es sich immer lohne, Verbindendes aufzustöbern. Außerdem ging er bei einem speziellen Kronk sehr gern essen, wenn er nicht zu Hause kochte! Tae nickte bloß, drückte Pyrophya „Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon“ in die Hand und bemerkte, man werde zweifellos ausreichend Anregung finden, Tatsachen in die Welt und vor Ort zu tragen, die dem „Quatsch“ ein Ende setzten. Sodass Pyrophya mit Argumenten mehr als ausgerüstet in den verbalen Schlagabtausch mit Heinrich Clan Zündfunken im Friedensgericht gehen konnte. ~*~#~*~ „Ich möchte euch einen Vorschlag unterbreiten“, Pyrophya legte „Kunibertus’ kommentiertes Konversationslexikon“ neben sich ab. So fühlte sich ihr Rucksack doch gleich wieder leichter an! „Angefangen zu haltlosem Unsinn über Kronks gibt es eine Menge von Hörensagen, Gerüchten und Geraune, nicht nur in diesem Werk. Zwar haben wir Collectio, aber dafür muss man ja zuerst wissen, dass man etwas überprüfen sollte“, begann sie ihre Einführung in das Thema. Malin, Mikeel und Rahny hörten ihr abwartend zu. „Du möchtest, dass alle über die wahre Natur der Kronks Bescheid wissen“, adressierte Pyrophya Mikeel, „und was wäre gewinnender als ein Auftritt mit dir, Rahny? Eine zwanglose Zusammenkunft mit Musik, eine Demonstration, was Kronks tatsächlich sind und das Aufklären der Gerüchte.“ Sie blickte Rahny an, dessen unstete statische Ladung knisterte, „andere Kronks würden vielleicht davon erfahren. Sie hätten keine Angst mehr, sich unter Daimonen wohlzufühlen. Sie müssten sich nicht mehr verstecken und isolieren.“ Malin seufzte hörbar, „also doch! Du beraubst mich meiner wertvollen Köche und aller Hoffnung auf künftige Liebschaften!“ Pyrophya schnaubte nachsichtig, „so schlimm ist es auch nicht.“ Sie zog zwei flache Ovale aus ihrem Rucksack. „Das sind Portalpässe, mit denen man zwischen den Portalen in unserer Welt wechseln kann.“ Malin ächzte überrascht, während Mikeel ungeniert jubelte. Pyrophya bemühte sich um einen strengen Blick, „sie werden unter Vorbehalt an euch beide ausgegeben. Damit du, Mikeel, eure Auftritte organisierst, ankündigst und gleichzeitig herausfindest, ob es noch anderen Unsinn aufzudecken gibt, der aufgeklärt werden muss. Indem man unter die Leute geht.“ Sie wandte sich Rahny zu, der besorgt Mikeels Hand hielt, „du kannst neue Musik, neue Musizierende kennenlernen. Du kannst als Kronk andere Kronks allein durch deinen Mut inspirieren, sich nicht länger zu verstecken.“ Damit adressierte sie Malin, der neugierig die Portalpässe betrachtete, aber keinerlei Anstalten unternahm, einen anzufassen. „Und du, Meister aller Töpfe, verlierst keineswegs deine hilfreichen Köche. Sie werden zweifellos ab und an nicht zur Verfügung stehen, aber andererseits könnten sie zu zweit arbeiten, damit DU eine freie Nacht hast. Hin und wieder.“ Malin neigte den Kopf nachdenklich, während Mikeel sich bereits einen Portalpass um den Hals hängte. Bei Rahny musste er assistieren, da die Korkenzieherlocken-Mähne alles verdrängte. „...das ist ein guter Plan“, stellte Malin schließlich lächelnd fest. Konnte er wirklich einige Nächte seine Töpfe GANZ im Stich lassen? Frei herumziehen und herausfinden, wer mit ihm gern Lager, Lust und Leben teilen würde? „Uuuuhhh, das gefällt mir sogar sehr!“, schnurrte er guttural, ließ sein Raubtiergebiss aufblitzen. „I-i-ist Tae einverstanden?“, piepste Rahny mit dünnem Stimmchen nervös. Pyrophya konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. „Ich habe nicht nur die Zustimmung vom Friedensgericht, sondern auch die ausdrückliche Unterstützung von Tae. Sie findet, dass das Wäldchen hier längst nicht genug für zwei Kronks ist.“ Vermutlich war DIESE WELT nicht genug für diesen Kronk, aber das wäre, wie Pyrophya annahm, eine andere Geschichte. Sie erhob ihren Becher zu einem Prosit. „Lasst uns darauf trinken, die Wahrheit über Kronks und weitere Angelegenheiten unter die Leute zu bringen! Mit Musik, Fakten und gutem Essen!“ ~*~#~*~ „So eifrig am Werk?“, erkundigte sich ‚Morgen‘, der lautlos und geschmeidig im Licht der aufgehenden Sonnen an Xa’du herangetreten war. Ihm lag noch ein amüsiertes Schmunzeln auf den Zügen, da Inspize Pyrophya ihren Erfolg per Aeroflott mitgeteilt hatte. „Öffentlichkeitsarbeit für Fakten“, das klang recht bürokratisch. Xa’du blickte auf, lächelte und legte die Notizen auf den Schoß. Die ehemalige Ameisen-Göttlichkeit strahlte vor emsigen Eifer. „Weißt du, ich dachte, man könnte die Liebes-Botschaft auch mit Duft verbreiten! Wenn wir jetzt die Liedtexte drucken und parfümieren…!“ ‚Morgen‘ erinnerte sich an das Experiment, das sie zusammengeführt hatte und entschied, die Notbremse zu ziehen. Deshalb half er Xa’du hoch, zog die anmutige, mehrgeschlechtliche Ex-Göttlichkeit an sich und wisperte aufreizend, „warum erprobst du diesen… Duft nicht erst an mir?“ So hatte er bisher die meisten Beinahe-Katastrophen/Zwangsbeglückungen erfolgreich verhindert. Xa’du jubelte, umschlang ihn und trällerte, „ja, let love rule!“ Das war auch eine Botschaft, die Mikeel und Rahny verbreiten konnten. Obwohl die Daimonenwelt DIESE Mission bereits kannte UND umsetzte! ~*~#~*~ Ende ~*~#~*~ Danke fürs Lesen und einen gelungenen Jahreswechsel! kimera